BIRKENBIHL = EINFACH UNSTERBLICH | Die Managementtrainer-Legende wäre heute 76 Jahre alt geworden

„VFB is back“ schrieb mir jemand vor einiger Zeit und ich war erstaunt, denn am 3. Dezember 2011 war Vera F. Birkenbihl im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung verstorben, nachdem sie bereits einige Zeit lang krank gewesen war. Das „F.“ (es steht für „Felicitas“) war ihr wichtig, weshalb einer ihrer Lieblingssätze in etwa so ging: „Nennen Sie mich nie ‚Vera Birkenbihl‘ – ich heiße Vera F. Birkenbihl“.

Die Tochter des international bekannten Personal-Trainers und Unternehmensberaters Michael Birkenbihl („Train the Trainer“ / „Karriere und innere Harmonie sind möglich„) hatte nach ihrem Psychologie- und Journalismus-Studium in den USA bereits mit Mitte 20 als freie Trainerin gearbeitet, gründete zurück in Deutschland einen Verlag sowie ihr Institut für gehirn-gerechtes Arbeiten (engl.: brain-friendly), war bis 1982 festangestellt als Ausbilderin für die US-Army in Deutschland tätig, veröffentlichte freiberuflich eine Vielzahl an Büchern; ihr Erfolgsbuch „Stroh im Kopf – Gebrauchsanleitung fürs Gehirn“ erschien 1983 und bereits ein Jahrzehnt später konnte die die 20. Auflage gefeiert werden.

Ab 1997 startete VFB ihre eigene Webseite und fuhr via Wohnmobil inklusive Büro durch die europäischen Lande, zuletzt in „Birkenbihls Büromobil Nr. 9„. Nahezu eine halbe Million Menschen besuchten im Laufe der Jahre die Seminare von Vera F. Birkenbihl und lauschten ihren Overhead-Projektor-Vorträgen, wobei die (das Funkmikrofon um den Hals gehängt) am liebtsen zwischen zwei Projektoren hin und her wechselte. Die Gesamtauflage ihrer Bücher, Compact-Kassetten, CDs, VHS-Videos und DVDs liegt inzwischen bei über drei Mio. Exemplaren – Tendenz: steigend!

Vera F. Birkenbihl (Birkenbihl Sammlung Jena)

Sie war ihr eigenes Unternehmen, vermarktete selbst oder über externe Verlage Mitschnitte ihrer Seminare. Ab Ende der 1990er Jahre produzierte der Bayerische Rundfunk mit Birkenbihl TV-Sendungen wie „Alpha – Sichtweisen für das dritte Jahrtausend“ (= acht Ausgaben zusammen mit Sabine Sauer) oder „Kopfspiele“ (= 22 Folgen). Für verschiedene Printmedien, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung, schrieb sie regelmäßig Artikel und Kolumnen.

Keine Frage: Die Frau hatte es in einer nahezu männlich dominierten Branche geschafft, war ganz oben angekommen. Als Leidenschaft und Alleinstellungsmerkmal von VFB, die von der German Speakers Association 2008 in die Hall of Fame, einen auserwählten Kreis überragender Referenten und Trainer, aufgenommen worden war, galt die sog. „spielerische Wissensvermittlung“, für die Vera F. Birkenbihl entsprechende „Nicht-Lernstrategien“ entwickelte, die sowohl Lernenden als auch Lehrenden die praktische Arbeit erleichterten. Legendär waren ihre Bücherwände in ihren Domizilen in Odelzhausen bei Dachau und ab 2008 in Osterolz-Scharmbeck nahe Bremen. Die Bücher, die VFB in ihrem Leben gelesen hatte, sollen gefühlt locker in zwei  Schiffscontainer gepasst haben und Wegstreckengefährten behaupten, sie hätte scheinbar von allen den Inhalt gewusst inklusive Seitenangaben.

Die Trainer-Legende galt als alleinstehend; wenig bekannt ist, dass sie bereits 1967 den USA einen Computertechniker heiratete – die Ehe wurde aber bereits nach wenigen Monaten wieder geschieden. Birkenbihl nahm ihr Leben leicht, so schien es jedenfalls. Humorvoll ging sie auf der Bühne mit ihrer geringen Körpergröße, dem Übergewicht und ihrem gewöhnungsbedürftigen Kleidungsstil um. Und sie verschwieg auch nicht, dass sie am Asperger-Syndrom litt, einer leichten Form des Autismus, bei der sensorische Über- und Unterempfindlichkeiten auftreten, dafür häufig jedoch außergewöhnliche Interessen und Begabungen feststellbar sind.

KAGA-Papptafel vonVera F. Birkenbihl aus dem Jahre 2001 (Birkenbihl Sammlung Jena)

Ein „Wirbelsturm“ soll sie zeitweise gewesen sein, wenn sie Besuch bekam. Vor den Gästen trat sie in ihrem Wohnzimmer eine Viertelstunde lang kräftig in die Pedale ihres Heimtrainers, schob dann eine Videocassette in den VHS-Recorder ein, um etwas aufzunehmen, klappte die auf ihrem Bett liegenden Themenbücher auf und zu, setzte sich dann an eines ihrer CASIO-Keyboards und spielte ein paar Melodien vor, servierte anschließend Kräutertee. In einem Zeitungsinterview bekannte sie einmal: „Ich leide überhaupt nicht an Asperger, aber die anderen leiden. (…) Wenn’s gut geht, bin ich emotional zwölf Jahre alt, und wenn’s nicht gut geht, müssen sie mich behandeln wie ein vierjähriges Kind. Aber intellektuell bin ich 151 Jahre alt.“ Doch so sehr Vera F. Birkenbihl täglich ihren Verstand weiterentwickelte um dadurch für Publikum und Leserschaft neue Techniken zu erfinden, so wenig respektierte sie ihren Körper.

VFB zollte keinen Biorhythmus Tribut, trank viel Kaffee, arbeitete oft die Nächte durch, legte sich dafür tagsüber für zwei oder drei Stunden „aufs Ohr“, machte niemals Erholungsurlaub. Gegen Ende ihres Lebens war der Raubbau am eigenen Körper unübersehbar geworden. Und sie trug wie ein Nerd aufällige T-Shirts und Pullover, stellte kleine Gadgets auf ihren Bühnentisch, gab ihr Geld lieber für die neuesten Apple-Produkte aus, als für gesunde Ernährung. Außerdem war VFB dem Zigarettenkonsum nicht abgeneigt: stark und selbstgedreht mussten sie sein. Auf der Bühne jedoch wahrte Vera F. Birkenbihl die Fassade und trank ausschließlich Tee und zwar mit dem obligatorischen Stroh(„im Kopf“)halm.

Vera F. Birkenbihl mit einem Overhead-Projektor (Birkenbihl Sammlung Jena)

Bereits Mitte 2010 konnte sie wegen ihrer Körperfülle nur noch kurze Vorträge halten, „so 20 Minuten“ sagte sie und man ahnt es: Obwohl VFB zu dieser Zeit mit einem Scooter auf die Bühne fuhr, da sie zu schwach zum Laufen war und in den ersten zehn Minuten ihres Vortrags kaum richtig Luft holen konnte, lebte sie, umso länger sie redete (und je mehr ihrer fantastisch-bunten Zeichnungen sie mithilfe ihrer beiden Liesegang Overhead-Projektoren vor den ZuschauerInnen ausbreitete) auf, wirkte mit jeder weiteren Minute jünger, frischer und lebendiger. Und ihre eine knarzig-gepresste Stimmlage konnte immer noch voll von sympathischer Herzlichkeit sein.

Es war fast wie ein kleines Wunder für die Gäste, die ahnten, dass gehirn-gerechtes Arbeiten / Denken / Vortragen einem im Grunde geschwächten Menschen helfen kann, über sich hinaus zu wachsen. Gleichwohl war Birkenbihl in ihren letzten Lebensjahren sehr auf die Unterstützung von Dr. Dieter Böhm angewiesen, der seit 2003 eng mit ihr zusammengearbeitet hatte.

Vera F. Birkenbihls Hymer B-Classic 664 Fiat Ducato 18 Büromobil Bj. 2005 noch ohne Eigenwerbung auf einem Campingplatz in Bayern – Kostenpunkt inklusive aller Extras: ca. 53.000 Euro (Birkenbihl Sammlung Jena)

„You don’t get to choose how you’re going to die, or when. You can only decide how you’re going to live. Now.“ drückte es einst Singer/Songwriterin Joan Baez aus und genauso agierte VFB. Sie verlor einen großen Teil ihres Übergewichts und plante im Frühjahr 2011 rund 40 Kilo leichter zu ihrem Publikum zurückkehren. Zuvor wollte sie sich noch von Ärzten durchchecken lassen. Deren Diagnose war vernichtend: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Die Mediziner riskierten Ende April eine Operation und die verlief wesentlich besser als von den Experten erwartet. Und da Totgesagte aus ihrer Sicht länger leben, wurde Vera F. Birkenbihls Krankenzimmer von ihr zum Büro umfunktioniert. Nein, es war wie immer: die Zusammenarbeit verlief mehr als holprig, denn VFB hatte ihren eigenen Kopf und ihre Ärzte merkten, dass die Top-Beraterin für Beratung selbst unempfänglich war, wohlgemeinte Hinweise und Verbesserungsvorschläge abbügelte, sich nicht schonte und sich ebensowenig an ihre Therapievorgaben hielt. Deshalb musste Vera F. Birkenbihl, ob sie es wollte oder nicht, den Spätsommer 2011 wochenlang im kontrollierten künstlichen Koma verbringen, um den Genesungsprozess anzuschieben.

Abgemagert und von den Strapazen gezeichnet verließ sie die Klinik. Allein zu sein, war aber nicht ihr DIng: schon wenige Tage später lud VFB Freunde und Bekannte zu sich nach Hause ein, tat ihre weiteren Pläne kund, doch sie erholte sich nicht mehr von ihrer schweren Erkankung.

Kurz vor dem Nikolaustag 2011 starb ein außergewöhnlich kreativer Mensch, nachdem er in den Tagen und Stunden zuvor noch intensiv mit einigen Wegstreckenbegleitern telefoniert hatte und manchem dabei sogar das „Du“ anbot. Aber Birkenbihls Lebensende vor mehr als einer Dekade war nicht das Ende ihrer Karriere, wie sich heute zeigt. Zuerst fanden DVDs ihrer TV-Sendungen sowie Videos ihrer Vorträge auf YouTube große Resonanz und dann wurde sie zu einem kleinen Star auf der SocialMedia Plattform TikTok, was gleichbedeutend damit ist, dass VFB nun auch ein jüngeres Publikum erreicht. Und obwohl auf TikTok nur kurze Film-Schnipsel gezeigt werden können, liegen die Likes ihrer Videos mittlerweise bereits bei mehreren Millionen.

Daran ist sie ganz alleine „schuld“, denn die von ihr entwickelten und logisch skizzierten Visualisierungen der Kernbotschaften, die sie in einer unnachahmlichen Art auf den Kopf gestellt schreib und malte, damit ihr Publikum es sofort lesen konnte, begeistern auch heute noch. Spätestens dann, wenn VFB die ZuschauerInnen auffordert eine „ABC-Liste“ zu erstellen und sie ihnen dann rät, verschiedene dieser Listen in Zusammenhang mit einander zu bringen, zieht sie ihre jungen Fans in den Bann, weil sie durchschauen, wie einfach und trotzdem effizient Vera F. Birkenbihls Lenmethoden funktionieren.

Jeder Mensch, so Birkenbihls Botschaft, ist sehr durch Bilder und Geschichten über Dinge geprägt – weniger als von den Dingen selbst. Und sie zeigt beständig auf, wie man / frau das soeben Erlernte zukünftig für sich nutzen kann. Auch heute noch – nur eben nicht mehr persönlich sondern in bewegten Bildern. Die Formel lautet „BIRKENBIHL = EINFACH UNSTERBLICH“ denn „Sterben ist nur ein Übergang aus dieser Welt in die andere“, wie es einst William Penn (der Gründer von Pennsylvania) formulierte und Vera. F. Birkenbihls neue Welt ist eben Social Media, gesteuert von ganz oben. Ihre Worte, für längere Ruhepausen habe sie immer alles dabei, deuten für mich darauf hin, dass sie sich auch dort bestens eingerichtet hat.


Nachtrag: Dr. Dieter Böhm lebt heute in Barleben bei Magdeburg und führt als langjährige „rechte Hand“ von VFB einen Teil ihres Werkes weiter. Als erster zertifizierter Birkenbihl-Trainer® ist er heute als Beauftragter für die Lehrerfortbildung tätig und darüber hinaus als gefragter Sprecher und Seminarleiter in allen Facetten des Lernens und Lehrens unterwegs. Wer das Werk von Vera F. Birkenbihl näher kennenlernen möchte, der findet es u.a. HIER auf amazon, schaue sich beispielsweise eines ihrer vielen VIDEOS an oder besuche ihre Webseiten www.vera-birkenbihl.de, www.birkenbihl-uni.ch bzw. den Blog https://www.birkenbihl.com/. Hingewiesen sei auch auf die „Birkenbihl Sammlung Jena“ beim DigitalPortal BILDUNGSZENTRUM VERWALTUNG (BIZ).

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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