NACHWACHSENDE ROHSTOFFE | Ein Plädoyer für junge Führungskräfte in öffentlichen Verwaltungen

Rainer W. Sauer ist seit 1975 in und mit der Verwaltung tätig. Er zählt zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und ist zudem Team- und Individual-Coach. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ Verwaltungstraining gegründet, um Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er in diesem Blog Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther und im Netz zu erleben: Anfang der 2000er Jahre wurde Rainer W. Sauer für seine Radiosendungen mit mehreren Hörfunkpreisen ausgezeichnet.


„Der Mangel an Erfahrung veranlasst die Jugend zu Leistungen, die ein erfahrener Mensch niemals vollbringen würde.“ (Jean Duché)

Wie divers denken deutsche Verwaltungen? – Manche Insider denken, so wurde es mir berichtet, der Weg in die Chefetagen des öffentlichen Dienstes führe im Moment nur über Absolventen der European Business School (EBS), einer elitären Führungstalenteschmiede, die 2015 in letzter Sekunde vor der Insolvenz gerettet heute wieder in alter Frische Studierende fit für die Verantwortung in Unternehmen, Verwaltungen oder der Politik macht. Jüngstes Aushängeschild der EBS ist ja Bettina Stark-Watzinger, die neue Bundesministerin für Bildung und Forschung von der FDP. Elitär deshalb, da dort nur auf den Schulbänken Platz nehmen darf, wer beispielsweise 43.000 Euro für einen BWL-Bachelor berappen kann. Dafür bekommt man auf Schloss Reichartshausen nahe Oestrich-Winkel am Ende neben einen Abschluss auch Zugang in ein Netzwerk, das einen zuverlässig auf dem weiteren beruflichen Lebensweg begleitet.

Indes: Ein stressfreier Jungbrunnen für Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden ist auch die European Business School nicht, denn nicht alle Studierenden wollen in naher Zukunft tatsächlich in die öffentliche Verwaltung oder ein Unternehmen wechseln – viel eher denken sie darüber nach, Gründer zu werden, selbst wenn man damit höchstwahrscheinlich erst einmal wesentlich weniger verdienen würde. Ganz Generation Z ist das Freisein, verbunden mit den Möglichkeiten, Dinge selbst zu entscheiden, höchstes Gut. Und genau diese jungen Menschen bringen derzeit Wirtschaft wie Verwaltungen zum Verzweifeln. Genau in der Dekade, in der Beschäftigte in Massen in Ruhestand und Rente gehen, haben sich die Karriereträume vieler potentiellen Nachfolger radikal verändert: Selbstbestimmung statt Vorgaben, Selbstverwirklichung statt Verwaltungsmief.

Ich bin ja schon seit Jahren ein Verfechter der nachwachsenden Rohstoffe in den Verwaltungen: den eigenen Beschäftigten, die als Auszubildende zu „uns“ gekommen waren, sich entwickelt haben und nun eine berufliche Perspektive suchen. Wer sie vernachlässigt, der trägt dazu bei, dass die Rathäuser und Ministerien, die Behörden und kommunalen Servicedienstleister zu sterbenden Dinosauriern werden, was in letzter Konsequenz natürlich gravierende Auswirkungen für alle Bürgerinnen und Bürger hat. Doch obwohl es in den letzten fünf, sechs Jahren erheblich schwerer geworden ist, qualifizierte Berufseinsteiger für Jobs in der Verwaltung zu finden, gibt es keinen Grund zu resignieren – unmöglich ist die Sache nicht. Es muss den Personalabteilungen nur gelingen, dass sich die potentiellen Auszubildenden für deren offenen Stellen interessieren. Das Thema hatte ich ja bereits mehrfach thematisiert, u.a. auf meiner Webseite »Eine Frage, Herr Sauer…«.

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Ja, derzeit befindet sich unsere Gesellschaft in einer Entwicklung voller Umbrüche, in der neue Regeln gelten. In öffentlichen Verwaltungen treffen mehrere Generationen aufeinander, die alle ihre eigenen, unterschiedlichen Werteeigenschaften und Verhaltensweisen haben. Auf die Besetzung offener Stellen heruntergebrochen ist festzustellen, dass sich junge Menschen nicht mehr so motivieren lassen wie in den Jahrzehnten zuvor – man braucht hierfür neue Modelle. Moderne Verwaltungen, die dies verinnerlicht haben, bieten jungen MitarbeiterInnen speziell auf diese zugeschnittene Arbeitsbedingungen, um sie zu motivieren sowie ihr Engagement, ihre Agilität, Loyalität und Lebensqualität zu steigern. Sie wollen engagierte, hochmotivierte und leistungsorientierte Mitarbeitende akquirieren, diese für den Job begeistern und möglichst lange an ihre Dienststelle oder Behörde binden.

Doch zeitgleich verschlafen viele Verwaltungen im ÖD diesen Wandel. Auch der spezielle Umgang mit unterschiedlichen Generationen von Beschäftigten gehört zur Diversität, also dem Umgang mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten verschiedener Gruppen von Menschen. Trotzdem verfolgt man hier und dort unkonkrete Strategien, die zwar in der Theorie Diversität fördern sollen und Gleichstellungspläne erfüllen, sich im Verwaltungsalltag aber oft allein darauf beschränken, mehr weibliche Mitarbeitende auf Behördenflyern abzubilden. Dabei ist doch der Nutzen effizient genutzter Diversität längst erwiesen. Gibt es mehr gemischte Teams, steigt die Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittlich Arbeitsergebnisse. Deshalb wäre es geboten, konkrete Vorgaben zur Berücksichtigung der Bedürfnisse der Generation Z in Zielvereinbarungen der Führungskräfte aufzunehmen inklusive von Restriktionen für solche Chefs, die sich weigern sie umzusetzen.

Noch einmal: die eigenen jungen Mitarbeitenden sind die nachwachsenden humanen Rohstoffe der Verwaltungen und generieren (ganz so, wie es auch früher war) aus den eigenen Reihen die neuen Führungskräfte. Nur eben heutzutage auf ganz andere Weise gesteuert, wie noch im letzten Jahrhundert. Und um noch einmal auf das Thema der Diversität zurückzukommen: Es ist inzwischen erwiesen, dass Migranten der Generation Z doch eher an einer beruflichen Karriere interessiert sind und nicht so sehr an ihrer Selbstverwirklichung. Auch, weil sie vielleicht irgendwo auf der Welt Familienmitglieder finanziell unterstützen wollen. Dies sollte man bei Stellenbesetzungen stets bedenken.


Nachtrag: Wer dies möchte, den kann ich über CBQ & blue Verwaltungstraining in einem KompetenzCamp auf eine Reise durch elf praxisnahe Methoden mitnehmen, die Verwaltungen dabei helfen werden, Mitarbeitende der Generation Z zukünftig effektiver für einen Job in der Verwaltung zu gewinnen, zu binden und zu führen. Das nächste findet im September 2022 im Institut für Verwaltungsinnovation in Jena statt; mehr Infos dazu findet man HIER!

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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