OMIKRON-WELLE | Verwaltungen hatten keine Zeit gehabt, bei Null anzufangen

Der Beschluss der Ampel-Parteien war ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für alle Deutschen: Ende November hatten die Parteien der damals noch nicht im Amt befindlichen Scholz-Regierung die „Epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ auslaufen lassen. Entschieden wurde dies, obwohl noch nicht klar war, wie sich die Omikron-Variante des SARS-Cov2 Virus auf die deutsche Gesellschaft auswirken wird. Durch das Auslaufen lasse sich einerseits regional unterschiedliches Infektionsgeschehen sehr gezielt bekämpfen, hieß es von RGG zur Begründung, „andererseits verlagern wir die Verantwortung auch dort von der Exekutive zurück in die Parlamente.“ Doch hinter den eher pragmatischen Überlegungen verbarg sich gleichwohl die Befürchtung, dass auch die Bundesrepublik von einer ähnlichen Omikron-Infektions-Welle überrollt werden wird, wie andere europäische Länder, allen voran Großbritannien und Dänemark.

Bis zum Jahresende ging alles gut, doch dann gab es auch hierzulande Infektionszahlen, die Woche für Woche rasant anstiegen und nahezu jeden Tag neue Höchstwerte erreichen. Nun ist es Ende Januar und das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete erstmals mehr als 200.000 COVID-19 Neuinfektionen binnen 24 Stunden, die überwiegend Omikron zugeordnet wurden. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt hierdurch erstmals über der 1000er-Schallmauer und die Zahl der positiv getesteten Patienten auf Normalstationen steigt laut Deutscher Krankenhausgesellschaft deutlich an. Bundesgesundheitsminister Lauterbach rechnet sogar damit, dass die Omikron-Welle höchstwahrscheinlich erst Mitte Februar ihren Höhepunkt erreichen wird. Dann wird es mehrere Hunderttausend Coronafälle in Deutschland geben – pro Tag, sagte er.

Zwar setzen die Arbeitgeber – auch in den öffentlichen Verwaltungen – die Testpflicht am Arbeitsplatz mittlerweile sehr konsequent um und auch die 3G-Kontrollpflicht wird wahrgenommen, trotzdem mindert dies Neuansteckungen nicht essentiell, denn fast alle aktuellen Infektionen finden außerhalb der Büros und Arbeitsstellen statt. Das Problem: Obwohl die Omikron-Infektionen überwiegend einen milden Verlauf haben*, führt gleichwohl jede neue Corona-Erkrankung zu Quarantäne-Restriktionen im persönlchen Umfeld, die wiederum die Menge an Arbeitskräften verknappen. Dadurch fehlt es Behörden und Dienststellen an einer genügenden Anzahl von Beschäftigten im Bereich der sog. „Kritischen Infrastruktur“ – sprich: dem Gesundheitswesen, bei der Polizei, der Feuerwehr, im öffentlichen Nahverkehr oder der Müllabfuhr.

Verwaltungsexperte Rainer W. Sauer bei einem TV-Interview für ARD plusminus – Bildrechte: Matthias Weidner

Es ist die Frage, wie lange unsere Gesellschaft den sprunghaften Anstieg von Omikron und den damit verbundenen Arbeitskräftemangel aushalten kann und wie die Öffentliche Hand mit den deutlichen Problemen bezüglich ihrer Belegschaft und im Verwaltungsbetrieb umgehen wird. Hier sozusagen bei Null anzufangen kann für die öffentlichen Verwaltungen keine Option gewesen sein. Lange vorbereitete Konzepte werden derzeit umgesetzt, beispielsweise die räumliche Auftrennung von Teams und Abteilungen, die einen Komplettausfall vermeiden helfen soll.

Trotzdem zeigt sich die Mehrheit von Deutschlands Politikern bislang fest entschlossen: Einen weiteren Lockdown wird es nicht geben. Dafür setzt man weiter aufs freiwillige Impfen und das RKI ändert seine Richtlinien zur Quarantäne von Kontaktpersonen und die Isolierung von Infizierten. Doch das öffentliche Leben (inklusive Karnevalsveranstaltungen) soll mit Einschränkungen zumindest für 2G- oder 2Gplus-BürgerInnen sowie Geboosterte weitergehen. Das betrifft Arbeitsstätten, Restaurants und Schulen. Lediglich das Kulturleben ist vielerorts zurückgefahren worden und überall in Deutschland wurden Klubs und Diskotheken dichtgemacht. – Also Augen zu und durch?

Wohl kaum, denn die Krankenhauseinweisungen sind seit Anfang des Monats stark angestiegen – zumindest solche mit Omikron, aber nicht unbedingt wegen der Virusvariante –, die Gesundheitsämter arbeiten fast flächendeckend mit Bundeswehr-Unterstützung und die kommunalen Müllentsorger agieren mit Hilfe von Notfallplänen, weil dort ganze Schichten ausgefallen sind. Im Gesundheitswesen denkt man zudem laut über eine weitere Verkürzung der Quarantäne von Pflegekräften nach, aber noch gänzlich unklar ist, wie Feuerwehren und Polizei den Omikron-bedingten Arbeitskräfteausfall handhaben werden. Hinzu kommt die Unklarheit, wie man mit dem Überstunden-Ausgleich umzugehen gedenkt, sobald die Omikron-Welle in Deutschland ab Mitte Februar langsam abebben wird. Fakt ist jedoch: Die Corona-Realität hat die Politik eingeholt.

Zum Abschluss noch meine persönliche Aufforderung zur Impfung gegen das Corona-Virus: Omikron muss man sehr ernst nehmen, auch wenn erste Studien bisher allgemein mildere Verläufe ergeben haben*. Ein milder Verlauf bedeutet trotzdem, dass man erkranken wird und durch die viel höhere Ansteckungsquote als bei dem SARS-Cov2-Mutationen bislang, kommen mehr Personen auf Intensivsationen. Auch ohne im Krankenhaus zu landen, kann man noch über Wochen später mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit zu kämpfen haben, wie man zum Beispiel auch bei Hochleistungssportlern sieht. Die gute Nachricht ist, dass nach Ansicht der Experten eine Dreifach-Impfung gut schützt. Jeder Zweifach-Geimpfte sollte so schnell wie möglich eine Auffrischungsimpfung machen. Aber auch an alle noch nicht-Geimpften kann ich nur appellieren: Lassen Sie sich impfen. Auch eine Erstimpfung kann schon zu einer Abschwächung des Verlaufes führen.

Ein Kommentar von Rainer W. Sauer

Geschrieben und © 2022 für die Initiative VERWALTUNGSNETZWERK DEUTSCHLAND | www.verwaltungsnetzwerk.info


* = Das Imperial College aus London hat Anfang des Jahres erste Zahlen für das Risiko einer Krankenhauseinweisung unter Omikron veröffentlicht. Danach ist das Risiko eines Klinikaufenthalts bei einer Omikron-Infektion insgesamt bis zu 30 Prozent geringer ist als bei einer Ansteckung mit der Delta-Variante. Bei zweifach Geimpften sinkt das Risiko um 34 Prozent, bei Menschen mit Booster-Impfung reduziert sich die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung sogar um knapp 70 Prozent.

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