EIN GUTER KOCH IST AUCH EIN GUTER ARZT (2) | Über Lampenfieber und Interaktionen mit dem Publikum

„Humor ist nicht erlernbar. Neben Geist und Witz setzt er vor allem ein großes Maß an Herzensgüte voraus, an Geduld, Nachsicht und Menschenliebe.“ (Curt Goetz)

Nachdem ich mich im ersten Teil des Artikels u.a. mit „Tucholskys Tipps für Redner und Keynote Speaker“ befasst habe, geht es mir nun um die humorvolle, zumindest aber die gekonnte Interaktion von Rednerinnen und Rednern mit ihrem Publikum. Bereits in der Schule erleben Menschen, dass es nicht immer gelingt, sich hinter Hausarbeiten oder Büchern zu verstecken, sondern dass es ab und an dazu kommt (und dies ist sicher auch pädagogisch so gewollt), ein Referat oder einen Vortrag halten zu müssen. Naturgemäß fällt das nur einigen Menschen leicht und das nicht etwa, weil es Probleme mit dem vorzutragenden Inhalt gibt, sondern weil der Speaker oder die Rednerin sich mit einem ganz anderen Gegner konfrontiert sieht: dem Lampenfieber, im angloamerikanischen Raum auch „stage fright“ genannt, wobei „stage “ die Bühne meint und „fright“ den Schrecken vor ihr.

„Lampenfieber“ beschreibt sinnbildlich die körperliche, mit Angst und Stress, Furcht und Schrecken einhergehende, Nervosität vor dem öffentlichen Auftreten, wobei Fragen aufkommen wie: „Werde ich bei den Menschen ankommen oder wird es in einer kompletten Blamage enden?“ Besonders fatal ist, dass dieses Lampenfieber überaus spontan als Panikattacke auftreten kann. Natürlich findet man / frau in Internet oder FAchbüchern eine Unmenge an Tipps und Tricks, die Abhilfe versprechen sollen, angefangen bei Atemübungen bis hin zur Empfehlung, sich das Publikum nackt vorstellen. Aus meiner Erfahrung als Coach weiß ich, dass selbst die größten Musiker mit einiger Bühnenerfahrung auch nach Jahren noch unter Lampenfieber leiden können, und dies sogar regelmäßig was belegt, dass alle gutgemeinten trivialen Hilfestellungen nur kurzfristig helfen. Das liegt auch daran, dass das Problem des Lampenfiebers individuell gesehen werden muss und für den Keynote Speaker oder Redner gilt es (mit oder ohne Unterstützung eines Coaches), für sich aus der Palette von Strategien sich diejenige herauszusuchen, die langfristig dazu beitragen kann, zu erlernen, mit Lampenfieber umzugehen. Hierzu gehört als Bedeutender Punkt die Interaktion mit dem Publikum.

Grundsätzlich stelle ich während meiner Coachings immer einzeln oder geballt wieder diese drei Szenarien fest, mit denen sich Vortragende aus ihrer Sicht vermeintlich auseinandersetzen müssen: 1.) „Ich darf mich nicht blamieren … beispielsweise wenn ich meinen Text vergesse.“ /// 2.) „Das Publikum bzw. meine Mitmenschen (in der Retropektive auch: die MitschülerInnen) sind gegen mich.“ /// 3.) „Wenn Zwischenrufe kommen oder die Situation es erfordert, muss ich mich rechtfertigen.“ – Gleich mit dem dritten Punkt beginnend, sage ich meinen Cochees immer: „Coole Typen rechtfertigen sich nicht.“ Bei den anderen beiden Punkten geht es nicht ganz so schnell voran. Also: Rechtfertigen muss sich Wladimir Putin für die von ihm initiierte „Sonderoperation“ in der Ukraine, weil dies die Übernahme (oder Nicht-Übernahme) von Verantwortung beinhaltet. Ein Speaker / eine Rednerin muss sich niemals rechtferigen, schon gar nicht dafür, dass das, was vorgetragen wurde, nicht allen gefällt oder gefallen hat. Wer sich für sein Auftreten rechtfertigt, der macht sich klein. Wer jedoch gegenüber andern die Beweggründe für sein Auftreten oder seine Sicht der Dinge / seinen Vortrag erklärt, verteidigt sich nicht, sondern zeigt Stärke. Also nochmals: „Coole Typen (m/w/d) rechtfertigen sich nicht.“

Nun zum Punkt 1 und dem verlorenen Faden. Bei Referaten, Vorträgen oder öffentlichen Reden geht es nicht darum, das betreffende Thema komplett und in alles Aspekten abzuhandeln. Zum einen bedingt dies die Zeitvorgabe, zum anderen will auch niemand „alles“ hören oder berichtet bekommen und – ganz wichtig – in einer freien Rede erwartet keiner eine „Rampensau“ wie Barbara Schöneberger, die sogar noch im Stande gewesen wäre, den Untergang der Titanic abzumoderieren … tanzend, singend und in Pömps. Die Aufgabe des Speakers / der Rednerin ist es vielmehr (und zwar egal in welchem Vortragsumfeld), die erarbeiteten Ergebnisse / Feststellungen / wichtigen Botschaften / die Keynote zu präsentieren und in wenige Themenfelder klar einzuordnen. Dabei kann man / frau auch witzig oder humorvoll oder ironisch sein, wenn es zugleich gelingt den ZuhörerInnen direkt oder andeutungsweise Methoden aufzuzeigen, wie die Zusammenhänge funktionieren. Das ist der Grund, wegen vermeintlicher Lücken im Vortrag panisch zu werden. Denn Panik ist ja die intensive Angst vor einer Bedrohung. Für den Fall, dass der „rote Faden“ verloren geht, gibt es nur eine einzige Lösung: Finden sie für sich eine Übergangsfloskel, die sie sich einpauken (beispielsweise: „… wie kam ich drauf? – Egal. Lassen Sie mich zum nächsten Punkt kommen. …“). Mit einer solchen Unterstützung gelingt es nach einiger Übung, manchmal sogar nahtlos und nahezu unbemerkt, mit einem anderen Aspekt des Themas weitermachen.

Kommen wir zu Punkt 3. Gelegentlich gibt es im Publikum Unruhe oder gar Zwischenrufe. Einige Menschen können dabei äußerst unfair sein – nach mehr als 100 Bürgerinformationsveranstaltungen weiß ich, wovon ich rede und die Unfairness haftet uns intelligenten Säugetieren, die sich verbal ausdrücken können, seit jeher an. Trotzdem ist das Publikum, sind ihre Mitmenschen im Auditorium, niemals ihr Feind. Alle im Saal, sie inbegriffen, haben doch grundsätzlich das gleiche Ziel und zwar den Vortrag zu erleben. Da gibt es nur eine Möglichkeit: Wagen sie sich in die Löwenhöhle und zwar schon lange bevor die Löwen da sind. Viele Vortragende sind deshalb so nervös, weil sie davon ausgehen, sich in einer ungewohnten Situation wiederzufinden. Der frühe Vogel kann in der Löwenhöhle nämlich vorab einige DInge klären. Zum Beispiel wo vorgetragen: Ist es ein kleiner oder großer Saal oder ein Seminarraum? Sich dort vor einem Auftritt umzusehen ist essentiell. Wo befinden sich Pult, Beamer / Projektor oder die Tafel? Welche Software ist auf dem Rechner und so weiter. Denn – auch wenn dies im ersten Moment beunruhigend klingen mag – : Rechnen sie stets mit dem Schlimmsten und seien sie darauf vorbereitet, wobei der frühe Besuch der Löwenhöhle eine der Optionen ist.

Die leider viel zu früh verstorbene Vera F. Birkenbihl liefert einem Redner / einer Speakerin mit ihrer „Steine im Fluss„-Erkenntnis einen weiteren Rat. Schauen sie sich nach kleinen rutschfesten Steinen um, auf die gestiegen werden kann, um nicht ins Wasser zu fallen und dann von der Strömung mitgerissen zu werden. Neben den Ankerpunkten des Vortrags sind dies auch Vorkehrungen, für den Fall, dass vielleicht das Mikrofon ausfallen kann. Hier wäre das zuvor geübte laute Sprechen von Vorteil, um den kurzzeitigen Fauxpas der Technik zu überbrücken. Traut man dem WLAN vor Ort nicht, dann kann man als „Stein im Fluss“ einen eigenen Hotspot über das Smartphone aktivieren. Denken sich sich weitere potentielle Störungsoptionen aus und bereiten sie sich darauf vor, mit ihnen umzugehen, um so ein Gefühl der Sicherheit und Kontrolle zu erreichen. Das Fazit heißt: Sie müssen agieren anstatt zu reagieren!

Und erzählen sie Geschichten, denn das kommt immer gut an. Flechten sie ggf. Statements zu Pannen mit in den Vortrag ein („Wir haben das heute acht Mal getestet und die letzten zwei Male hatte das tatsächlich funktioniert. Jetzt ist alles weder auf Anfang. Egal, die fleißigen Helfer in der Technik bekommen das schon wieder hin. Und wenn nicht, wird UNS schon etwas einfallen …“). Merken sie um was es geht. Niemand rechtfertigt sich für irgend etwas, das Motto muss ein „Alles ist / wird gut“ und wenn nicht, dann greift das Gemeinschaftsprinzip „Wir sitzen gemeinsam im Schlamassel, aber da kommen wir auch wieder raus“. Denken sie stets daran: Fast alle großen Rednerinnen und Speaker kennen Lampenfieber, weshalb sie sich mit ihrem in bester Gesellschaft befinden.

Einige Tricks, wie man mit Lampenfieber-Streß umgehen kann, haben sie nun von mir bekommen. Wichtig ist eine kluge Vorbereitung, die Übung verschiedenster Situationsoptionen und ihre ureigene Methode, das Publikum auf die eigene Seite zu ziehen. Unterschätzen sie aber niemals den Auftrag, für den sie stehen: alle Augen und Ohren sind auf sie gerichtet, alle Gehirne sind gespannt darauf, was sie darin einpflanzen können und werden: eine Botschaft, viele neue Informationen, vielleicht sogar irgendein Fakt, der gekommen ist, um im Gehirn des Publikums zu bleiben und den man im Nachinein immer mit ihrem Vortrag oder der Rede verbinden wird.

Die Geheimzutat gibt es von mir ganz am Ende: Haben SIE möglichst viel Spaß an ihrem große Auftritt!!!

Geschrieben von und © 2019 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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