NIEMAND HAT DIE ABSICHT | Über das gezielte „aneinander-vorbei-reden“

„A“ sagen und „B“ meinen ist eine Form der Propaganda, um Teile der Bevölkerung hinter sich zu scharen, weil man ja das, was viele befürchten, ausschließt. Ob es um Wollt ihr den totalen Krieg? geht oder darum, dass sich Bauarbeiter einer Hauptstadt „hauptsächlich mit Wohnungsbau“ beschäftigen und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Das gezielte aneinander-vorbei-reden hat immer den Sinn, die eigentlichen Absichten zu verschleiern und / oder Zeit zu gewinnen.

Schauen wir uns Wladimir Putin an. Dass es im nicht gelang, seinen Krieg in der Ukraine so voranzutreiben, wie er es geplant hatte, ist inzwischen legendär. Allerdings war auch erkennbar, dass, je mehr der Kreml mit seiner „Spezialoperation“ auf gegnerischen Widerstand stieß, umso irrationaler und hemmungsloser in den gleichgeschalteten russischen Medien deren Rechtfertigung betrieben wurde. Weil wirkliche Erfolge ausblieben und somit andere Erklärungen für das oft sehr brutale Vorgehen der russischen Armee notwendig wurden, trat der angebliche Kampf gegen den „Neo-Faschismus“ zunehmend in den Vordergrund.

Und Berichte über russische Gräueltaten in der Ortschaft Butscha bezeichnete das russische Verteidigungsministerium kurzerhand als Fälschungen und eine „abscheuliche Provokation des Regimes in Kiew.“ Die Leichen seien keineswegs dort gewesen, als die russischen Streitkräfte abgezogen seien, hieß es. Das jedoch wurde durch hochauflösende Satellitenbilder aus den Tagen und Wochen davor ad absurdum geführt. Auch solche Sattelitenfotos seine „Fake News“, entgegnete Moskau. In dieser Spirale aus Lügen, gefälschten Bildern und Eskalation kann aus vielerlei Gründen ein Blick hinter die Fassade der Erklärungen hilfreich sein, um zu erkennen, was durch das gezielte aneinander-vorbei-reden tatsächlich verborgen werden soll.

Zu einen wird klar, dass es Putin nie um einen Teilerfolg in der Ukraine ging. Mit so einem Ausgang der „Spezialoperation“ inklusive ihrer hohen Zahl an Todesopfern unter den eigenen Soldaten sowie den Konsequenzen eines nachweisbaren Genozids an der ukrainischen Bevölkerung kann und wird er sich niemals zufriedengeben. Das wiederum zeigt klar, dass eine Erwartung bei bundesdeutscher Politik wie Wirtschaft, man werde „nach dem Krieg“ zu einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland zurückkehren können, mit jedem neuen Kriegstag absurder wird. Auch deshalb, weil zugleich ein ganzes Volk in sein Denken und Fühlen (und unzweifelhaft steht weiter eine Mehrheit der Russen wegen der Kreml-Propaganda hinter dem Krieg) eine großrussische Überheblichkeit eingepflanzt bekommt inklusive des Hasses auf westliche Werte. Mit Putin zu reden bedeute, ihm stundenlang zuhören zu müssen in dem Wissen, dass er nichts von dem macht, was er sagt und nichts von dem sagt, was er tun möchte, berichtete Frankreichs Ex-Präsident François Hollande in einem Zeitungsinterview. Zudem beinhaltet die mit seiner neuen Staatsphilosophie verbundene aggressive Arroganz gegenüber anderen Ländern und Völkern und deren Werten einen Rückfall in dunkelste Episoden der Geschichte.

Den Blick hinter die Staatspropaganda („… russische Befreier sind in der Ukraine, um den von der eigenen Armee geschundenen Menschen Brot zu bringen …“) erlauben ausgewählte Propaganda-Texte aus Putins Denkfabrik. So warf beispielsweise das offizielle Russland der Ukraine vor, unter falscher Flagge Angriffe auf Einrichtungen westlicher Diplomaten in der westukrainischen Stadt Lwiw vorzubereiten. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums im O-Ton: „Das nationalistische Kiewer Regime plant, Angriffe auf diplomatische Objekte der USA und westlicher Länder als angeblichen ‚gezielten Angriff der russischen Streitkräfte‘ darzustellen.“ Später hieß es aus Moskau zudem, Kiew plane Angriffe auf die eigene Bevölkerung mit Chemikalien. Die Verbreitung solcher Unwahrheiten ist bestens geeignet, um später die angeprangerten Dinge selbst ausführen zu können und die Schuld daran zu verschieben.

Richtig erschreckend wird es jedoch, wenn unverhohlen die Wahrheit hinter dem aneinander-vorbei-reden erkennbar ist. Beispielsweise bei dem „Polittechnologen“ Timofej Sergejzew. Der machte sich unter folgender Überschrift Gedanken: Was Russland mit der Ukraine machen muss. Ausgehend von der Annahme, dass die „Sonderoperation“ erfolgreich sein werde, schrieb er: „Eine Ukraine als Instrument des Westens zur Vernichtung Russlands brauchen wir nicht mehr.“ Deshalb müsse die „Entnazifizierung des Landes“ nicht nur die Staatsspitze, sondern auch das ukrainische Volk erfassen, denn – so seine Logik – „die Masse der Ukrainer hat gemeinsame Sache mit der faschistischen Führung in Kiew gemacht.“ Sergejzews Gedanken über die Entnazifizierung lesen sich dann wie eine Blaupause für russische Gräueltaten: „Nazis mit der Waffe in der Hand sind maximal zu eliminieren“, denn sie trügen Schuld am „Völkermord gegenüber dem russischen Volk“, schreibt er und geht noch weiter. Es sei als nächster Schritt eine „totale Säuberung des gesamten Volkes“ durchzuführen, denn ein bedeutender Teil von ihm „das sind passive Nazis“. Sein Gedankenspiel endet mit dem Hinweis, die Nazifizierung der Ukraine habe „unter dem Tarnmantel der Unabhängigkeit“ begonnen und dauere nun schon mehr als 30 Jahre an. Belege für seine Erkenntnisse braucht der Polittechnologe nicht.

Wie effizient die Kreml-Propaganda bereits Wirkung zeigt, belegt ein anderes Beispiel. Die tschechische Regierung hatte russische Diplomaten dazu aufgerufen, ihren Dienst zu quittieren, angesichts der Zerstörungen der Moskauer Armee in der Ukraine. Das russische Außenministerium reagierte hierauf in harscher Form, was zu erwarten war. Das Interessante aber sind mehrere Dutzend Kommentare zur tschechischen Forderung aus Russland selbst. So hieß es z.B. „Tschechien war Handlanger der Faschisten und ist es bis heute geblieben. Immerhin haben sie Hitler alles geliefert, was der brauchte.“ Andere waren sich sicher: „Man muss Europa von Russland und der übrigen Welt isolieren.“ denn „Das Böse sind die Tschechen, und das waren sie immer.“ Man kann dies nicht unbedingt als „normale“ Social Media Rektionen abtun, denn in den Äußerungen zeigt sich das Ergebnis der Kreml-Propaganda: Kritiker russischer Politik werden durchgängig nur noch als Nazis bezeichnet und, was noch viel schlimmer ist, die Bevölkerung anderer Nationen sind aus Sicht der Kommentatoren unwerte Menschen, auf die Russland herabblicken darf.

Dies wiederum belegt, dass die Ukraine keineswegs das Ende der Begehrlichkeiten des Putinschen Kremls darstellt: mindestens Moldawien, Litauen, Lettland und Estland stehen mit ganz oben auf seiner Wunschliste für eine Großrussische Nation.

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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