LÜGEN | Weshalb sie oft viel zu kurze Beine haben

Rainer W. Sauer ist seit 1975 in und mit der Verwaltung tätig. Er zählt zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und ist zudem Team- und Individual-Coach. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ Verwaltungstraining gegründet, um Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er in diesem Blog Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther und im Netz zu erleben: Anfang der 2000er Jahre wurde Rainer W. Sauer für seine Radiosendungen mit mehreren Hörfunkpreisen ausgezeichnet.


„Für wahr wird genommen was gefällt. So wird die Lüge zur Wahr-Nehmung.“ (Klaas Ockenga)

Jeder Mensch lügt und das, wenn er kein Eremit ist, mehrmals am Tag. „Wie sehe ich aus?“, „Haben Sie damit schon angefangen?“, „Wie geht’s?“ sind typische Fragen und unsere Antwort darauf aus Höflichkeit, Bequemlichkeit, Versehen oder Berechnung oft nicht ehrlich. Vielleicht will man jetzt im Moment überhaupt nicht darüber reden, oder man / frau möchte nicht so direkt anworten, dass das Kleid nichts für eine Ü50-Frau ist. Auch außerhalb des Frage-Antwort-Spiels bewusst die Unwahrheit zu sagen, ein wenig zu flunkern in guter Absicht oder um Zeit zu sparen, gelegentlich auch in prahlerischer Hinsicht, ist für Menschen alltäglich. Dabei kann zu lügen im Grunde sehr anstrengend werden, vor allem, wenn das Gegenüber Methoden beherrscht um Lügen auf die Spur zu kommen.

Die Ansicht, etwas zu erzählen, was man wirklich erlebt hat, ist schnell umgesetzt. Viel schwerer ist es für einen Menschen, sich einen Ablauf, eine Story auszudenken. Nicht nur, weil er sich Ankerpunkte merken muss, bis in die Details hinein, damit er beim Lügen nicht durcheinandergerät. Gewiefte LügnerInnen müssen also erstens schlau sein und sich zweitens sehr gut auf ihre Lügrei konzentrieren können. Das kann nicht jeder Mensch, weshalb erfolgreiche Hochstapler selten dumm sind. Erfahrene Kriminalisten können aber dagegenhalten und sei es nur mit der einfachsten Methode: den Lügner die (aufgetischte) Geschichte plötzlich von hinten nach vorne erzählen zu lassen. Wer Dinge tatsächlich erlebt hat, dem fällt das naturgmäß nicht schwer. Lügner scheitern hierbei aber oft spektakulär. Wie im Fall eines Täters, der einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke auf einen vorbeifahrenden PKW geworfen hatte: die betroffene Autofahrerin war sofort tot, ihre beiden mit im Auto sitzenden Kinder mussten die tragischen Ereignisse miterleben.

Obwohl die Kripo mit Hochdruck ermittelte, hatte sie lange keine heiße Spur. Bis sie ankündigte, dass sie nicht ausschließen könne, dass alle erwachsenen Männer der Region eine Speichelprobe abgeben sollten, weil auf dem Holzklotz DNA sichergestellt worden sei. Das rief den Täter auf den Plan und der versuchte gegenüber der Polizei eine komplizierte Lüge, wie Prof. Max Steller in seinem Buch „Nichts als die Wahrheit?: Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann“ beschrieb. Nachdem bekannt war, dass alle Männer untersucht werden sollten, meldete er sich bei der Kripo und behauptete, beim Überqueren der Autobahnbrücke mit dem Fahrrad einen Holzklotz im Wege lag, fürsorglich beiseitegeräumt zu haben, damit sich niemand daran verletzen könne. Und er fügte an, es könne daher sein, dass auf diesem Wege vielleicht DNA-Spuren von ihm auf dem Klotz zurück geblieben wären. Beiläufig erwähnte er noch, er habe auch eine Fahrradfelge und einen Ast, die ebenfalls mitten auf der Brücke gelegen hätten, beiseitegeräumt.

In Wahrheit war die DNA-Analyse von Anhaftungen am Holzklotz polizeitechnisch „unergiebig“ gewesen, aber die Kripobeamten warteten förmlich auf jemanden wie den später als Täter verurteilten Mann, mit seiner etwas verwirrenden Geschichte um Holzklotz, Felge und Ast, denn der hatte damit nichts anderes preisgegeben als Täterwissen. Ohne Not hatte der Mann von sich aus zugegeben: er war am Tattag auf der Brücke gewesen und hatte den Holzklotz angefasst. Warum erzählte er aber dann auch noch die Sache mit dem Ast und der Felge? Für eine erfolgreiche Lüge hätte er diese Gegenstände niemals erwähnen brauchen oder müssen. Mit Stellers Hilfe wurde im Verhör nachgehakt, der Täter musste die Geschichte seiner Fahrradfahrt über die Brücke unter Zeitbezügen mehrfach vor und zurück erzählen und „verstrickte sich dabei in Widersprüche“, wie es so oft in Polizeiberichten heißt. Am Ende wurden der Holzklotz-Mörder überführt und verurteilt.

Gespräch unter vier Augen – AdobeStock#291053614

Bekanntheit erlangte der auf Glaubhaftigkeitsbegutachtung vor Gericht spezialisierte Aussagepsychologe auch, als er herausfand, dass das vermeintliche Opfer im Vergewaltigungsfall Andreas Türck gelogen hatte. Experten sind sich sichen:. Würde Stellers Methode konsequent angewendet, könnten zahlreiche Fehlurteile verhindert werden. Seine Methode hatte er aber nicht „auf’s Blaue hinaus“ entwickelt, sondern erst nachdem er jahrelang beobachten musste, wie schändlich an deutschen Gerichten mit der Wahrheitsfindung umgegangen wurde. Wen es interessiert, dem sei dieser Podcast empfohlen, in dem Max Steller berichtet, wie er Lügner entlarvt, wie Scheinerinnerungen entstehen und warum jeder unschuldig verurteilt werden kann.

Ich persönlich hatte meine erste berufliche Selbsterfahrung mit dem Lügen gemacht, als mein inzwischen verstorbener erster Chef, Herr Heun, mich nach der Rückkehr vom Amtsgericht – ich sollte dort Besorgungen machen, war aber tatsächlich woanders gewesen – fragte, wie es dort gewesen sei und ich ihm antwortete: „Wie immer.“ Was ihn veranlasste nachzufragen, ob denn immer noch eine Baustelle vor dem Haupteingang sei. In diesem Moment musste ich mich entscheiden: Sage ich ihm die Wahrheit oder tische ich ihm eine Lüge auf. Meine Entscheidung war einfach und ich gab die Schwindelei zu und sagte, dass ich gleich noch einmal losgehen würde, um die Dinge zu erledigen. Wir haben nie wieder darüber gesprochen, aber er konnte mich, falls er dies überhaupt gewollt hätte, wegen der Angelegenheit auch nie als Lügner bezeichnen. Das ist auch Bestandteil meines CBQ Moduls „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ für den bewussten Umgang mit Wahrheit bei der Pressearbeit in Verwaltungen.

Als Abschluss sei noch ein kleiner Blick darauf gestattet, weshalb beispielsweise so viele Menschen in Russland das zu glauben scheinen, was der Kreml über seine Medien zusammenlügt? Bereits als Wladimir Putin erst kurz in Verantwortung war, erprobte man unter seiner Verantwortung einige der Taktiken der Desinformation, die sich bis heute in der Kreml-Propaganda wiederfinden. So wurden 1999 als offizieller Kriegsgrund für die Angriffe des russischen Millitärs auf Tschtschenien Attentate in Moskau angeführt. Wer sich in der Folge allzu intensiv mit den Hintergründen beschäftigte, ging ein extremes Risiko ein, darunter der Ex-Agent Alexander Litwinenko (mit Polonium vergiftet), der Ex-Oligarch Boris Beresowski (unter mysteriösen Umständen stranguliert), der Journalist und Menschenrechtsaktivist Jurij Schtschekotschichin (an einer „allergischen Reaktion“ verstorben) bin hin zum Leiter der staatlichen Untersuchungskommission, Sergej Juschenkow (in seiner Wohnung erschossen).

Mit der gleichen Mischung aus Desinformation, Einschüchterung, Repression und nackter Angst berichtet und agiert man in Putins Umfeld bis heute, beispielsweise über den Ukrainekrieg. Das aus gutem Grund, denn nach dem Ende der UdSSR und vor Putin war öffentlicher Tadel an den Regierenden bis hin zu hämischer Satire an der Tagesordnung – befeuert durch diverse unabhängige Medien, die ohne Angst kritisierten, was sich dann aber sehr schnell änderte. Kurz nach Präsident Putins Amtseinführung begannen bewaffnete, vermummte Polizisten in Büroräume von TV-Sendern einzudringen – Begründung: dem Betreiber wurde unterstellt, staatliche Mittel veruntreut zu haben. Belege und Zeugen fanden sich schnell und die Kontrolle über Fernsehsender wie NTW oder ORT übernahm der Staat. Die vollständige Gleichschaltung der russischen Medienlandschaft sorgt mittlerweise dafür, innerhalb des Landes eine völlig andere Wahrnehmung von Abläufen zu erzeugen, als im Rest der Welt, der diese Situation bis zum Ukrainekrieg nahezu konstant nicht wahrnehmen wollte und Russland als verlässlichen, vertrauenswürdigen Partner ansah.

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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