NEBENBEI BEMERKT | Die erste Entdeckung Amerikas

Rainer W. Sauer arbeitet im Rahmen seines Verwaltungstrainings und Coachings und seiner GehirnmanagementLive-Veranstaltungen immer wieder mit Beispielen aus Naturwissenschaft und Technik. Seit 1968 interessiert er sich für Astronomie und die Erforschung des Weltraums, 1974 baute er sich selbst ein elekronisches Musikinstrument: einen Synthesizer. In der Rubrik „NEBENBEI BEMERKT“ geht es nicht um Verwaltungstraining oder -coaching sondern Sauer lässt seine LeserInnen hier an Themen aus technischen oder naturwissenschaftlichen Bereichen teilhaben, die ihn selbst interessieren.


„Ich werde den Pazifik auf einem Holzfloß überqueren um eine Theorie zu stützen, dass die Südseeinseln von Peru aus bevölkert wurden. Wollen Sie mitkommen? Ich garantiere nichts als eine kostenlose Reise nach Peru und zu den Südseeinseln und zurück, aber man wird Ihre technischen Fähigkeiten auf der Reise gut gebrauchen können. Sofort antworten.“ (Thor Heyerdahl in einem Telegramm an potentielle Mitglieder seiner KON-TIKI-Expedition 1947)

Die erste Sichtung des amerikanischen Doppelkontinents durch Seefahrer aus anderen Zivilisationsräumen wird allgemein als die „Entdeckung Amerikas“ bezeichnet. Historisch belegt sind nur Entdeckungen durch Europäer. Die Übersiedlung von Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner aus Asien wird nicht mit diesem Begriff verbunden. Obwohl über Hunderte Jahre lang Wikinger-Sagas weitergegeben und -erzählt wurden, ist die Erstentdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus vom Oktober 1492 allgemein verbreitet, begann durch sie die kontinuierliche Wahrnehmung der Landmasse Amerikas als Kontinent und mit ihr ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte. Als eigener Kontinent (und nicht etwa Indien, wie von Kolumbus angenommen) wurde Amerika erst 15 Jahre später durch den Italiener Amerigo Vespucci erkannt und 1507 von dem deutschen Kartografen Martin Waldseemüller nach dessen Vornamen benannt.

Welthistorisch erfolgte die Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinents durch Menschen nach bisherigen Erkenntnissen etwa vor 12.000 Jahren über die Beringstraße durch Völker Nordostasiens, deren Nachkommen zu den amerikanischen Ureinwohnern wurden, weshalb die Bezeichnung „Indianer“ für sie ebenso unzutreffend wie unangemessen ist. Möglich sind ebenso weitere Besiedlungen schon vor 15.000 Jahren an der Pazifikküste Südamerikas durch Menschen aus Ozeanien. Der erste Entdecker, der das nordamerikanische Festland sichtete, dürfte der Normanne Bjarni Herjúlfsson gewesen sein, der 986 auf der Fahrt von Island nach Grönland vom Kurs abkam und, nachdem er Grönland schließlich doch erreicht hatte, von „bewaldeten Hügeln im Westen“ berichtete.

Seine Geschichte wurde von Normannen-Generation zu -Generation weitererzählt, sodass Leif Eriksson mit seiner Mannschaft danach suchte und schließlich im Jahre 1021 das amerikanische Festland bei L’Anse aux Meadows auf Neufundland betrat. Im letzten Jahrhundert wurden dort tatsächlich archäologische Funde gemacht, die skandinavischen Bewohnern zugeordnet werden konnten. Lange erzählte man sich danach die „Vinland-Sagas„, die von den Entdeckungsfahrten der Wikinger um Erikson berichten, und den durch die Siedler benannten Küstenabschnitte Helluland, Markland und Vinland.

Auf weiteren Expeditionen, unter anderem von Leifs Bruder Thorvald, kam es zu Begegnungen mit amerikanischen Ureinwohnern, die von den Wikingern „Skraelinger“ genannt wurden. Nach 1020 begaben sich Grönländ-Wikinger nach Vinland, um dort eine Siedlung zu gründen. Doch die geringe Zahl an mitgereisten Frauen und Kämpfe mit den Skraelingern führten dazu, dass sie Vinland nach nur wenigen Jahren wieder den Rücken kehrten. Helge Ingstad hat hierüber 1965 das Buch „Vesterveg til Vinland“ geschrieben, das ein Jahr später hierzulande unter dem Titel „Die erste Entdeckung Amerikas“ erschien und auf mich als Jungendlicher sehr bewegte.

Die Ortsbezeichnung „L’Anse aux Meadows“, eine französisch-englische Mischform, wie sie häufig im östlichen Kanada zu finden ist, bedeutet so viel wie „Die Bucht bei den Wiesen“ hat sich bei mit seit damals fest im Kopf eingebrannt. Es ist eine archäologische Fundstätte an der Nordspitze Neufundlands und ihre Entdeckung durch das norwegische Archäologenpaar Helge und Anne-Stine Ingstad im Jahre 1961 bewies erstmals, dass sich die Sagas um Leif Eriksson historisch belegen lassen. 2021 konnte durch die Kombination der C-14-Methode mit dendrochronologischen Auswertungen u.a festgestellt werden, dass in L’Anse aux Meadows durch die Wikinger im Jahr 1021 Bäume gefällt worden waren umd Häuser zu errichten.

Ingstads Buch hat mich vor allem zwei Dinge gelehrt: eine weit verbreitete Sicht der Dinge muss nicht immer die richtige sein und wissenschaftlich Forschung bringt immer wieder neue, faszinierniende Fakten ans Licht.

Geschrieben und © 2022 von Rainer W. Sauer für CBQ Verwaltungstraining & BRAIN.EVENTS

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: