NAHTOD | Was passiert im Gehirn, kurz vor dem Ableben

„Wenn man einmal den Tod erlebt hat, wie ich, dann weiss man in Innersten: es gibt gar kein Ende. Man geht immer nur weiter von einem zum nächsten, so wie man weitergeht von der Grundschule zur Oberschule zur Hochschule.“ (Raymond A. Moody)

Die Frage, was in uns selbst passiert, wenn wir sterben, beschäftigt die Menschheit seit jeher. Religiöse Interpretationen bieten verschiedene Erklärungen, aber Wissenschaftler suchen weiterhin nach Antworten. Die Hirnstromüberwachung bei sterbenden Menschen erleichtert Forschenden, den Übergangsprozess des Gehirns vom Leben zum Tod besser zu verstehen. Was wissen wir bis dato?

Ist ein Mensch klinisch tot, sein Herz steht still und es zirkuliert kein Blut mehr durch den Körper, arbeitet sein Gehirn trotzdem eine Zeit lang weiter. Forscher untersuchten die Gehirnströme sterbender Menschen und stellten fest: Trotz Herzstillstand traten bei vielen PatientInnen gerade während der Wiederbelebung heftige Gehirnaktivitäten auf und ganz offenbar versagen in diesen Momenten im zentralen Denkorgan Bremssysteme* und es liegt scheinbar die gesamte Gehirnaktivität im Bereich der Wahrnehmung.

Faktisch schient Folgendes die Ursache zu sein: Wird ein Mensch nach einem Herzstillstand reanimiert, geschieht dies durch heftige Druckbewegungen auf das Herz, um eine manuelle Blutzirkulation zu gewährleisten, sowie Mund-zu-Mund-Beatmung zur Sauerstoffzufuhr. Trotzdem erreicht man hierdurch keine gewohnte Funktion des Körpers, sodass man davon ausgehen kann, dass das Gehirn während der Phase des klinischen Todes zu wenig Sauerstoff bekommt, nicht mehr „normal“ (also gebremst) funktionieren kann, weshalb neurologische Signale nicht mehr so, wie üblicherweise, übertragen werden. Die Erfahrungen um einem klinischen Tod herum, lassen sich somit durchaus als a) Ausdruck einer Hirnfunktionsstörung beschreiben, die b) jedoch eine Überinformation an Erinnerungen, Eindrücken, Gefühlen zur Folge hat.

Ist der eigene nahe Tod schließlich überwunden, berichten Betroffene über spirituelle Erfahrungen, die oftmals in Metaphern geschildert werden: man habe Gefühle von Geborgenheit und Friedens gespürt, Licht gesehen – vielleicht gar am Ende eines Tunnels, habe eine Zeit lang den Eindruck gehabt, sich außerhalb des eigenen Körpers zu befinden („Out-​of-​Body-​Experience“) oder das eigene Leben sei an einem „… wie in einem Film …“ noch einmal vorbeigezogen. Man nennt so etwas Nahtoderfahrungen bzw. -erlebnisse, abgekürzt NTE. Ehrlicherweise muss man aber zugeben, dass es solche oder ähnliche Erlebnisse auch in anderen Zusammenhängen gibt, etwa bei epileptischen Erkrankungen, Operationen, schweren Unfällen, aber auch beim Tod eines nahen Angehörigen oder bei sehr starkem Stress sowie beim Drogengebrauch/-missbrauch. Das belegt, dass unterschiedliche Trigger im Gehirn die gleichen oder ähnliche Reaktionen auslösen können wie eine NTE. Allerdings: Menschen, die dem eigenen Tod nahe sind, erleben das Phänomen viel intensiver und umfassender.

Religiöse Interpretationen hinter sich lassend gibt es in der Neurowissenschaft im Moment grundsätzlich zwei Hypothesen für diese Visionen. Eine davon ist, dass optische Eindrücke im Occipitallappen entstehen, der visuellen Input verarbeitet und in andere Bereiche des Gehirns weitergibt, auch wenn überhaupt kein Licht im Spiel ist. Außerkörperliche Erfahrungen wiederum dürften im Temporallappen entstehen, da dieser Bereich des Gehirns wichtig für das Selbsterleben des eigenen Körpers und seiner Verortung in der räumlichen Umgebung ist. Die andere Hypothese bringt bestimmte Botenstoffe ins Spiel, die bei der Stress-Erfahrung des Nahtods ​Visionen hervorrufen. Welche Botenstoffe das sein sollen, ist immer noch nicht hinreichend geklärt. Wichtig zu wissen ist, dass dann, wenn der Nahtod überstanden ist und wieder genügend Sauerstoff im Gehirn ankommt, die Visionen unmittelbar enden.

Intensivmediziner Dr. Sam PARNIA, außerordentlicher Professor für Medizin an der New Yorker Langone Health University, ist Hauptautor einer aktuellen Studie, deren Ergebnisse Fragen zur Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegenüber Sauerstoffmangel aufwerfen. Bisher gingen Mediziner davon aus, dass das Gehirn nach fünf bis zehn Minuten ohne Sauerstoff und Nährstoffen wie Zucker abstirbt. Doch Untersuchungen von Parnia und seinem Team zeigen nun, dass es wesentlich länger durchhalten kann. Das bedeutet: Einige Menschen, die als nicht mehr zu retten gelten, könnten vielleicht doch erfolgreich wiederbelebt werden. Erkenntnisse, die in Zukunft neue Behandlungsoptionen für Hirnschäden eröffnen könnten. Prof. Parnia hatte solches bereits in seinem 2015 erschienen Buch „Erasing Death: The Science that is Rewriting the Boundaries between Life and Death“ dargelegt.


* = Die Forschenden erklären dies so: In unserem zentralen Denkorgan gibt es normalerweise Bremssysteme, die Elemente der Gehirnfunktion aus unserem Bewusstsein herausfiltern – eine Eigenschaft, die den Menschen erst zum Menschen macht oder wissenschaftlich ausgedrückt: der Geist des Menschen könnte sonst nicht funktionieren, wenn er Zugriff auf die gesamte Gehirnaktivität im Bereich des Bewusstseins hätte. Beim sterbenden Gehirn wird hingegen vermutet, dass das Bremssystem abgeschaltet wird und die sterbende Person mit einem Mal Zugang zu ihrem gesamten Bewusstsein erhält.

Geschrieben und © 2022 von Rainer W. Sauer für CBQ Verwaltungstraining & BRAIN.EVENTS

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