PSYCHOLOGISCHE KRIEGSFÜHRUNG | Hier hat der kompromisslose Anspruch auf Rationalität nichts verloren

Der Russische Angriff gegen die Ukraine zeigt: Im Krieg wird nicht nur erbittert um die Eroberung von Landflächen oder um Städte gekämpft, es ist auch ein Kampf um die Glaubwürdigkeit und Propaganda. Auf der einen Seite der Agressor, der es dem eigenen Land unter schwersten Strafen verboten hat, das Wort Krieg in den Mund zu nehmen. Auf der anderen Seite wendet sich ein Präsident jeden Abend im Armee-T-Shirt per Videobotschaft an sein Volk mit eindringlichen Appellen an den Westen und beklagt Kriegsverbrechen, welche die andere Seite als Fake und „Inszenierung“ bezeichnet. Eine weltweite Öffentlichkeit erlebt so einen Kampf der Worte um moralische Integrität und nicht zuletzt die Deutungshoheit der Ereignisse: psychologische Kriegsführung eben.

Dabei hat es der russische Präsident überhaupt nicht nötig, im autokratisch geprägten Russland die eigene Bevölkerung von seiner „Wahrheit“ zu überzeugen, wird diese doch stündlich via Staatsmedien in die Köpfe der Menschen transportiert. Da ist von Siegen die Rede, von eindrucksvollen Erfolgen, davon, dass alle russischen Soldaten als Befreier begrüßt werden. Und sollte es einmal nicht zu 100 Prozent funktionieren, erlässt er staatliche Dekrete. Dass sein Vortrag, einen Angriffskrieg zur Landesverteidigung umzudeuten Jahrhunderte alten Mustern entspricht und daher fast wie aus der Zeit gefallen wirkt, ist nicht wichtig. Genausowenig, dass er echte Erfolge – geschweige denn einen Sieg – zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai vorweisen kann. Er muss es nicht, denn die Parade ist längst bestellt und die Propaganda wird ihm wahre Wundertaten abdichten – Tenor: Wladimir Putin hat die Ukraine auf einem Pferd reitend im Alleingang besiegt und dabei auch gleich noch 11 Bären erlegt..

Demgegenüber verkörpert der ukrainische Präsident einen demokratisch geprägten Landesverteidiger des 21. Jahrhunderts. Dass er als geübter Schauspieler die „Inszenierung der Nichtinszenierung“ beherrscht und – fest verankert im Social-Media-Zeitalter – ein virtuoser Akteur der Macht der bewegten Bilder ist, der wortgewandt besonders nahbar und authentisch wirken soll und wirkt, wird von unseren Gehirnen unter den Tisch gekehrt. Das brachte ihm weltweit viel Anerkennung ein, während es bei der Bewertung seines Gegenübers nur darum geht, wie schamlos dieser die wahren Ereignisse schönredet oder leugnet.

Aber machen wir uns nichts vor: der Bewertung beider Protagonisten liegt ein realitätsfernes Menschenbild zugrunde. Beide Länder befinden sich im Krieg miteinander und sagen nur das, was ihren eigenen Anliegen zugute kommt. Die Wahrheit auszusprechen und zu kommunizieren könnte sich auf die weiteren Ziele im wahrsten SInne des Wortes „verheerend“ auswirken. Der kompromisslose Anspruch, konsequent auf Rationalität zusetzen und jegliche Emotionalität zu vermeiden, greift hier nicht – andere Aspekte sind gefragt.

Die letzten Impressionen vom Untergang des Raketenkreuzers 121 „Moskwa“.

Etwa der Funkverkehr ukrainischen Marinesoldaten auf der sog. Schlangeninsel, die vom russischen Raketenkreuzer „Moskwa“ aufgefordert wurden, sich zu ergeben, sonst würde man sie töten. Erst schaffte es die rotzig-trotzige Antwort des Marineinfanteristen Roman Hrybow (… „Russisches Kriegsschiff – f*** dich!“ …) auf eine ukrainische Briefmarke und nur wenige Tage später attackierte die ukraninische Armee tatsächlich erfolgreich die „Moskwa“ und versenkte sie zum Entsetzen der militärischen Führung im Kreml tatsächlich.

Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, erklärte der Kreml anfangs, der Stolz der Russischen Marine sei wegen eines Unfalls mit Munition beschädigt worden und werde in einen Hafen abgeschleppt, das Feuer sei aber unter Kontrolle sowie alle Besatzungemitglieder gerettet. Um nur Stunden später zu berichten, das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte sei wegen eines schweren Sturms gesunken, obwohl Wetterexperten darauf hinwiesen, dass es in der betreffenden Region wenig bis gar keinen Seegang gegeben habe. Ale eine Art Ablenkung vom „Unfall“ und den Auswirkungen des „Moskwa“-Desasters verlieh Wladimir Putin genau jener Brigade seiner Armee, der massenweise Kriegsverbrechen in der ukrainischen Stadt Butscha vorgeworfen wird, eine Auszeichnung für (Zitat) „Heldentum und Tapferkeit, Entschlossenheit und Mut“, Und er präsentierte die geretteten Besatzungsmitglieder: 100 an der Zahl.

Als sich herumsprach, dass noch ungefähr 400 Marineangehörige des Raketenkreuzers fehlten und unter den Überlebenden wehrpflichtige MAtrosen erkannt wurden, obwohl solche bei der „Sonderoperation“ gar nicht hätten eingesetzt werden sollen, kündigte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow an, dass man die Fälle untersuchen und die Verantwortlichen hart bestrafen wolle. Nur um acht Tage später einzuräumen, dass bei dem Untergang nach dem „Unfall“ ein Besatzungsmitglied gestorben sei und 27 weitere Matrosen vermisst würden. Die übrigen 396 Mitglieder der Besatzung seien gerettet worden, sagte er. Berichte mehrerer Medien von 40 bis zu über einhundert toten Matrosen kommentierte Peskow nicht; die Mütter verschollener suchen Matrosen such aber weiterhin nach der Wahrheit.

Dafür verstärkte Russland weiter seine, laut eigener Propaganda, „hochpräzisen“ Luftangriffe im Osten der Ukraine gegen ukrainische Stellungen und militärische Einrichtungen. Zeigt das ukrainische Fernsehen aber Bilder von zerstörten Wohnblöcken und meldet, erneut seien bei den Raketenangriffen viele ukrainische Zivilisten gestorben, verneint Moskau dies und berichtet, es hätten ausschließlich militärische Ziele im Fokus gestanden. Sollten Ziviisten zu Opfern geworden sein, dann alein durch Fehler des rechtsgerichteten Regiments Asow, das aus paramilitärischen Freiwilligen bestehe. Über die abertausenden „Kadyrowzy“-Kämpfer aus Tschetschenien, die wegen ihres brutalen Vorgehens gefürchtet sind und die den Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und auch der Bevölkerung brechen sollen, verlor der Kremlsprecher kein einziges Wort. Die Ukraine wiederum habe einen Spionagering in den eigenen Reihen ausgehoben, heißt es. Demnach sollten die Agenten des Kreml ein Passagierflugzeug abschießen, so die Agentur Ukrinform.

So sieht die „Wahrheit“ in Zeiten psychologischer Kriegsführung aus.

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

Ein Kommentar zu “PSYCHOLOGISCHE KRIEGSFÜHRUNG | Hier hat der kompromisslose Anspruch auf Rationalität nichts verloren

  1. Der Hybris
    der Männer
    seit Jahrtausenden

    den Feind
    auf dem Schlachtfeld
    ein für allemal
    zu erlösen

    der Angriffskrieg
    ist ein Hochverrat
    an der ganzen Menschheit

    die Leidtragenden
    sind die Unschuldigen
    die Frauen und Kinder

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