DIE WÜRDE DES MENSCHEN | Über den respektvollen Umgang mit Verstorbenen und Lebenden

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Vorab darf ich sagen: Ich kenne sowohl die Verstorbene als auch ihre Angehörigen, die würdevoll von ihr Abschied nehmen wollten, durch die Firma, für die meine Tochter arbeitet. Und ich kenne auch die Journalistin gut, die über den Vorfall berichtete, sowie die Verwaltung des Klinikums, um das es hier geht und welches am Ende (vergeblich) intervenierte, damit der Zeitungsartikel über die geschilderten Vorgänge nicht erscheinen sollte. Die Gründe für letzteres sind mir klar, denn das Klinikum hat einen tadellosen Ruf, was seine medizinischen Verdienste betrifft, ist oft im TV zu sehen in Reportagen und als Hintergrund für eine Krimiserie. Hier aber geht es nicht um die Medizin sondern um fehlenden Respekt durch eine mangelhafte Qualitätkontrolle der Verwaltung – wobei ich bei meinem Kernthema angelangt bin.


Die Mutter von Frau X. war eine hochbetagte und trotzdem noch selbstständig agierende Person. Sie kam wegen eines medizinischen Notfalls in die Notaufnahme des Klinikums ihrer Heimatstadt. Obwohl Frau X. noch am Nachmittag angeregt mit ihrer Mutter telefoniert hatte, verstarb diese unerwartet in der Nacht, jedoch sagt die Tochter: „Ärzte können keine Wunder vollbringen. Meine Mutter war 94 Jahre alt. Klar war mir bewusst, dass es jederzeit zu Ende gehen kann.“

Aufgrund von Schichtwechseln und Wochenende wurde aber sie erst einen halben Tag später über den Tod der Mutter verständigt und bat die Station darum, von dieser Abschied nehmen zu dürfen. Es dauerte, ehe man ihr dies gestatten konnte. Was Frau X. dann aber erleben musste, macht sie bis heute fassungslos. Die Verstorbene hatte man in einen kleinen Raum gebracht, der vollgestellt war mit Toilettenstühlen, Rollatoren, Umzugskartons und medizinischen Gerätschaften. Ein Schock für die in tiefer Trauer befindliche Tochter. Da sie erst wenige Jahre zuvor eine andere schlechte Erfahrung mit dem Klinikum hatte – damals war dort ihr Vater verstorben – wollte sie das nicht einfach so hinnehmen. Ein Zeitungsartikel erschien.

Der Aufbahrungsraum der Mutter von Frau X. – Foto: privat

Hierin wird das Klinikum mit den Worten zitert, dass es manchmal so sei, dass Angehörige direkt ins Patientenzimmer kommen um sich dort zu verabschieden könnten. Sollte das nicht möglich sein, würden die Mitarbeitenden versuchen, einen freien, ruhigen Raum auf der Station zu organisieren. Dort würden der Verstorbene in Zusammenarbeit mit einem Bestattungshaus aufgebahrt. Leider habe es im Falle von Frau X. (Zitat) „an einer Reihe von Umständen“ gelegen, dass es anders kam. Bis vor Kurzem sei die Klinik für Geriatrie auf einem anderen Gelände untergebracht gewesen; dort habe ein eigener Raum zur Abschiedsnahme zur Verfügung gestanden, so eine Sprecherin. Bis zur Fertigstellung der neuen Räume in dem derzeit im Bau befindlichen Gebäudeteil sei die geriatrische Station sozusagen provisorisch untergebracht.

Weiter hieß es: Die für die Verstorbene zuständige Mitarbeiterin habe sich am Wochenende intensiv bemüht, einen angemessenen Raum zu finden, doch das von ihr ausgesuchte Bad voller Gerätschaften müsse man als „nicht geeignet“ einstufen. Dass im Klinikum auch ein zentraler Raum für Abschiednahmen hätte genutzt werden können, sei der Mtarbeiterin noch nicht bekannt gewesen. Wenigstes habe es sich bei dem von ihr gewählten Raum (Zitat) „um einen ruhigen, geschlossenen Raum“ gehandelt, so die Sprecherin. Auch der Klinikvorstand bedauerte „außerordentlich“, dass es dem Klinikum in diesem Fall nicht möglich gewesen war, die Abschiednahme in einem würdevolleren Rahmen zu gestalten.

Neben dem Klinkvorstand und der Mitarbeiterin entschuldigte sich auch die Direktorin der Klinik für Geriatrie bei Frau X., doch die sagt, dass sie das nicht wirklich besänftigen kann, denn vor allem nachts quäle sie die Erinnerung an die Mutter in dem unwürdigen Raum und „eine gewisse Wut über den Umgang mit Verstorbenen und Menschen.“

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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