STRATEGIE ODER TAKTIK? | Wladimir Wladimirowitsch Putin: „If 6 was 9“ (1/4)

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden.“ (Bertolt Brecht)

Der Gefreite Adolf Hitler konnte es nicht fassen, dass der Weltkrieg verloren und das Kaiserreich zugrunde ging und aus dieser Wut heraus begann er als neuer Reichskanzler nur zwei Jahrzehnte nach dem 1. gleich den 2. Weltkrieg. Nach den Erfolgen seines Westfeldzug mit der Eroberung der Benelux-Staaten und Nordfrankreichs sprach der deutsche Generalfeldmarschall Keitel unter dem Eindruck des Sieges den Satz: „Mein Führer, Sie sind der Größte Feldherr aller Zeiten.“ Als aber bereits nach einem Jahrzehnt die Götterdämmerung des Tausendjährigen Reiches begann, wurde das Akronym „GröFaZ“ von Hitlers kommandierenden Generälen auf dessen Person bezogen eher in ironisch-spöttischer Absicht verwendet.

In Moskau saß sieben Jahrzehnte später ein Mann mit seinen Getreuen zusammen und wurde von Ihnen als großer Taktiker bewundert: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Mit dem deutschen Kriegsverbrecher hatte er nicht nur gemeinsam, dass er vor seiner Zeit als Staatschef niemals Armeeteile befehligte, wie im Übrigen die mesten seiner engsten Vertrauten, sondern dass auch er einer vergangenen Ära nachtrauerte: der Union der Sozialistischen Sowietrepubliken (UdSSR). Weiteres Parallel: Schon früh als Russischer Ministerpräsident gelangen Putin in Tschetschenien militärische Erfolge, die ihm viele nicht zugetraut hatten. Und spätestens seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im März 2014 rühmte man sich in Russland der taktischen Fähigkeiten und der Weitsicht Putins, hatte er doch vorhergesagt, dass der Westen dem Russischen Einmarsch militärisch nichts entgegensetzen würde.

Aber im Sinne der Neuerstellung der ehemaligen UdSSR mit einem Rückgriff auf das einstige Zarenreich war ihm dies nicht genug, weshalb Wladimir Putin im Sommer 2021 einen vom Kreml verbreiteten Aufsatz „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“ verfasste, in dem er die Ukraine – dies ist die „Kornkammer des Ostens“, auf die es einst auch Hitler abgesehen hatte – als ein vom Westen kontrolliertes Anti-Russland bezeichnete. Auch könne er sich ukrainische Staatsbürger, die von sich aus auf die Straße gingen, nicht vorstellen, schrieb er. Alles sei von einer „angeblich demokratisch gewählten ukrainischen Führung“ gesteuert, die eine Annäherung an die EU und die NATO anstrebe. Im Krim-nahen Gebiet der moskautreuen Rebellen sei das Handeln der Ukraine-Führung „in ihren Folgen vergleichbar (…) mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen“ mit einem einzigen Ziel, nämlich „das russische Volk um Hunderttausende, ja um Millionen zu dezimieren“, schrieb der russische Staatschef.

Zum Jahresbeginn 2022 sah Putin, sozusagen als „Größter Taktiker aller Zeiten“ den Zeitpunkt gekommen, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Denn, so fragte er sich, wer sollte sich Russland und ihm dabei entgegen stellen? Das dumme Volk der Ukraine, das sich von einem ehemaligen Komiker regieren lässt? Deutschland mit einem neuen schwachen Kanzler, einer unerfahrenen Außenministerin und einer Bundeswehr, die marode ist und wegen Deutschlands historischen Schuld nicht in den Krieg ziehen, ja noch nicht einmal Waffen liefern darf? Eine zerstrittene Europäische Union, ein lahmer US-Präsident und eine Witzfigur als Premierminister, die kurz vor dem Rücktritt steht? – So kam der „GröTaZ“ zu dem Schluss, dass man die Ukraine genau jetzt angreifen könne.

Taktisch betrachtet nicht während der Olympischen Spiele, zu deren Eröffnung Putin im Bruderstaat China eingeladen war, und auch nicht ohne Grund. Also versuchte sich die Moskauer Führung im Januar und Februar 2022 Woche um Woche darin, die Ukraine zu provozieren, damit ein Gegenangriff von der internationalen Staatengemeinschaft nicht zu verurteilen wäre. Truppenaufmärsche, Manöver ringsum die begehrte Nation, Übergriffe der Separatisten aus den ukrainischen Gebieten um Donezk und Lugansk, Massive Hackerattacken auf die elektronische Infrastruktur der Ukraine, eine Propaganda-Offensive, wonach behauptet wurde, die ukrainische Regierung unter dem russischsprachigen Juden Wolodymyr Selenskyj sei ein „faschistisches, neonazistisches Regime“, unter der die russische Bevölkerung massiv zu leiden habe. Von Völkermord war gar die Rede. Kurzum: Der Kreml ließ nichts unversucht, die Ukraine bis zur Weißglut zu provozieren.

Indes blieb man in Kiew ruhig und gelassen und machte nicht den Fehler, dem Russischen Staatschef irgendeinen Vorwand für einen Angriff zu liefern, selbst als Putin per Dekret die ukrainischen Regionen Lugansk und Donezk als „Volksrepubliken“ anerkannte. Irritiert über den Gleichmut der Ukrainerinnen und Ukrainer entschloss isch der russische Staatschef zu Handeln nach dem Motto „Schag zurück, bevor der andere zuschlägt“. Auch weil die an der Grenze zur Ukraine stationierten Soldaten Moskau jeden Tag Unsummen kosteten nahm Wladimir Putin wohlwollend einen „Hilferuf der neuen Volksrepubliken um militärischen Beistand“ an und befahl den Angriff. Nicht im Süden, woher der „Hilferuf“ gekommen war sondern er startete einen Rundumschlag vom Norden her aus der Belarussischen Republik in Richtung Kiew, von Osten aus in Richtung der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkow und natürlich von der Krim und den neuen Volksrepubliken aus nach Norden. Der Vorwand: man (sprich: er) müsse die Ukraine „entnazifizieren“:

Eine Art Blitzkrieg hatte er sich ausgedacht, bei dem nach dem US-amerikanischen Vorbild des Irak-Kriegs zwei JAhrzehnte zuvor als Ziel ausgegeben war, in einem ersten Schlag die Ukrainische Luftwaffe und die Flughäfen unschädlich zu machen. Dann sollte ein schnelles Vordringen der Truppen und eine zügige Einnahme der Hauptstadt folgen, gefolgt von der Absetzung der Selenskyj-Regierung, einer öffentlichen Anklage der führenden Politiker nebst anschlißender Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und schließlich der Installation einer moskautreuen Staatsführung. Diesen Schluss lässt ein versehentlich veröffentlichter, noch vor dem Angriff vorbereiteter Artikel der staatlichen Nachrichtenagentur TASS zu, über einen „umjubelten Sieg in der Ukraine“.

„Russland stellt seine Einheit wieder her“, heißt es da un dass die „Tragödie des Jahres 1991“ mit dem Auseinanderfallens der Sowjetunion nun mehr „überwunden“ sei. Ja, so schreibt der Kommentator, dies sei über das tragische Ereignis eines Krieges geschehen, jedoch „die Ukraine als Anti-Russland wird es nicht mehr geben“. Und dann heißt es in dem Kommentar, der kurz freigeschaltet war, bevor er hektisch wieder aus dem Netz genommen wurde: „Unser Präsident hat historische Verantwortung übernommen“, indem er entschieden habe, „die Lösung der ukrainischen Frage nicht künftigen Generationen zu überlassen“.

Die Begriffe „Taktik“ und „Strategie“ entstammen, auch wenn sie heutzutage in vielen Zusammenhängen genutzt werden, ursprünglich dem militärischen Bereich, doch was ist Strategie (und wo endet sie) und wann kommt Taktik zur Anwendung? Ist das alles nur Ansichtssache, wie der jeweilige Blickwinkel auf die Zahlen 6 oder 9, „If 6 was 9“ heißt ein Rockmusik-Klassiker von Jimi Hendrix, der u.a. durch den Film „Easy Rider“ bekannt wurde. Hendrix erzählt darin, dass er ihm egal sei, wenn selbst die Hippies (also die damals auffälligste Bewegung der Gegenkultur) sich plötzlich ihre langen Haare schneiden lassen würden, denn in Innern eines Menschen geht es nicht um Äußerlichkeiten, so Hendrix, sondern um dessen ganz eigenen Blick auf die Welt. Und der ändere sich nicht durch Äußerlichkeiten, bleibe stets ein und derselbe. Gilt das auch für Wladimir Putin? Unterliegen seine unterschiedlichen Strategien und Taktiken immer ein und demselben unveränderlichen Blick auf die Welt?

Lesen Sie HIER Teil 2 des Artikels!

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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