FRAUENPOWER | „In 80 Tagen…“-Neuverfilmung ist kein männliches Heldenepos mehr

Der Roman „Le Tour du monde en quatre-vingts jour“ von Jules Verne erschien 1873 und hatte in dem Amerikaner William Perry Fogg das Vorbild für die Romanfigur des Phileas Fogg. Das allein ist schon kurios, geht es im Buch doch nicht um eine Weltreise an sich, sondern und die Umrundung des blauen Planeten in einer Rekordzeit. Die aber hatte kurz zuvor ein anderer Amerikaner tatsächlich durchgeführt: George Francis Train. 1870 schaffte er ebendiesen 80-Tage-Trip, wobei er 13 Tage in einem französischen Gefängnis verbringen musste. Sein Begleiter war üblicherweise sein Cousin George Pickering Bemis und mit ihm unternahm er 1890 eine zweite Weltreise, die – ohne Inhaftierung – knapp 68 Tage dauerte; seine dritte und letzte Weltreise in 60 Tagen um die Welt unternahm er 1892. Über die Namensänderung in Vernes Roman zeigte sich Train den Rest seines Lebens erbost und er sagte nur allzu oft: „Ich bin Phileas Fogg!“

Von Vernes Reise um die Welt in 80 Tagen gibt es verschiedenste Adaptionen, darunter mehrere Kinofilme und TV-Produktionen. Die aktuelleste wurde von der italienischen Rai, France Télévisions und dem ZDF gemeinsam aufwendig produziert und wird im Zweiten Deutschen Fernsehen ab dem 21.12.2021 ausgestrahlt. So konnte man beispielsweise für die Filmmusik u.a. den Oscar-prämierten Komponisten Hans Zimmer gewinnen und mit Steve Barron einen Könner seines Fachs als Regisseur. Als Highlight darf man jedoch das Drehbuch sehen, welches von den Briten Ashley Pharoah und Caleb Ranson geschrieben wurde.

Schon von der ersten der acht Folgen an, wird die Figur des Phileas Fogg als zaudernder geist beschrieben, der immer wieder durch die Figur der ihn begleitenden Journalistin Abigail Fix mit Rat und Tat vorangetrieben wird. Die Tochter des (in der Verfilmung) Daily-Telegraph-Verlegers Bernard Fortescue will ihrem Vater zeigen, dass sie „es kann“, eine gute, ehrliche und engagierte Journalistin zu werden (Anmerkung: Einen direkten Bezug zur Realität gibt es hier nicht; beim Daily Telegraph gibt es aber Elizabeth Fortescue – sie ist die Kunstredakteurin).

In TV-Folge 3 treffen Fogg, sein Begleiter Passepartout und Abigail gar auf eine gestandene Powerfrau, Jane Elizabeth Digby, die Fix Fortescue ihre Lebensweisheit mit auf den weiteren (Lebens-)Weg gibt: „Jede Entscheidung die ich getroffen habe, habe ich für mich selbst getroffen.“ Digby war sozusagen des „enfant terrible“ im viktorianischen England und auch Inspiration für die Suffragetten-Bewegung. Ihr Pendant aus europäischer Sicht wurde nur wenig später die schweizerisch-französische Wüstenreisende und Schriftstellerin Isabelle Eberhardt (siehe auch: „Sandmeere. Sämtliche Werke in zwei Bänden“).

Bis zur letzten Minute des rund sechsstündigen Epos ist es nicht nur Fogg, der im Mittelpunkt steht und sein Zaudern oft mit Genialität überwindet, sondern eben die Figur der Abigail Fix Fortescue. So wurde aus dem schon etwas angestaubten Abenteuer, in Rekordzeit um die Erde zu reisen, eine gelungene Neuverfilmung, bei der Moral und Frauenpower in den Mittelpunkt rücken.

Gedreht wurde in Rumänien und Südafrika, dass dennoch im TV die perfekte Illusion entsteht, um die Welt zu reisen, ist dem Team um den international erfolgreichen Setdesigner Sebastian Krawinkel zu verdanken, das großartigeKulissen schuf.

Es lohnt sich wirklich, dieses neue TV-Highlight im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anzuschauen.

Geschrieben von und © 2021 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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