STILLE TAGE IM KLISCHEE (1) | Vorurteile vs. Realität im Land der aufgehenden Sonne

Rainer W. Sauer ist seit 1975 in und mit der Verwaltung tätig. Er zählt zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und ist zudem Team- und Individual-Coach. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ Verwaltungstraining gegründet, um Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er in diesem Blog Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther und im Netz zu erleben: Anfang der 2000er Jahre wurde Rainer W. Sauer für seine Radiosendungen mit mehreren Hörfunkpreisen ausgezeichnet.

„Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.“ (Kurt Tucholsky)

„Stille Tage in Clichy“ ist ein Roman des amerikanischen Schriftstellers Henry Miller („Wendekreis des Steinbocks“) und der Titel meines Artikels greift auf ein Wortspiel zurück, das die Elektronik-Musikband Sankt Otten 1999 für ihr Debutalbum erfand. Ich nutze ihn, um mit bestimmten Klischees aufzuräumen, die sich in der Bevölkerung teilweise hartnäckig halten.

Nun kamen Teilnehmer eines meiner Verwaltungstrainings vor einiger Zeit durch Zufall darauf, dass sie in der Vergangenheit unabhängig voneinander Japan besucht hatten – das Land der mehr als 3.800 Inseln. Da meine Tochter auch schon einmal dort war und auch mein Co-Trainer und Reiki-Experte Veit Wilhelmy bereits das Land der aufgehenden Sonne besucht hatte, entspann sich abseits unseres eigentlichen Themas eine kleine Gesprächsrunde unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, in der die Japan-Unkundigen versuchten, verschiedene Vorurteile und Klischees abzufragen und die Insider gaben Antwort, wobei sich diese Antworten – wie sollte es auch anders sein – oft unterschieden. Doch so viel ist klar:

Tatsächlich zeichnet sich die Kultur der in Japan lebenden Menschen durch eine überdurchschnittlich hohe Fleißigkeit aus. Offiziell arbeiten sie etwa 6 Stunden mehr pro Woche als wir Deutschen und gehen dazu auch noch rund 9 Jahre später in Rente. Und es kommt tatsächlich gar nicht so selten vor, dass sich Japanerinnen oder Japaner zur Mittagszeit ein Auto mieten, damit aber keinen einzigen Meter zurücklegen, sondern das Fahrzeug nur für ein Mittagsschläfchen nutzen, um dann wieder erfrischt ihrer Arbeit nachzugehen. Wer es noch nicht wusste: Japanische Beschäftigte haben durchschnittlich 18 Tage Urlaub pro Jahr, wovon fast alle aber nur maximal 8 Tage nehmen (jedenfalls sofern sie nicht auf eine weite Auslandsreise gehen) weil sie es unpassend finden, mehr Urlaub zu beanspruchen als ihre Arbeitskollegen. Die nahen Auslandreisen führen übrigens – so habe ich mir sagen lassen – vorwiegend in asiatische Länder wie Korea oder Thailand oder nach Hawaii.

In Japan gibt es vielerorts hochmoderne Technik, die man in Deutschland bisher vergeblich sucht, bis hin zu den Toiletten. Diese gibt es dort u.a. mit einem spezielle Massage-Wasserstrahl plus Föhn und man kann bei der Verrichtung seines Geschäfts zwischen spezieller Musik oder dem nachahmenden Geräusch einer Toilettenspülung wählen, um die eigenen Geräusche zu überdecken. Die Straßen in Metropolen wie Tokio sind im Übrigen erstaunlich leer, denn in Japan muss man, bevor man ein Automobil anmelden kann, zunächst einen Parkplatz nachweisen. Daher verfügen nur etwas mehr als zwei Drittel der japanischen Haushalte über einen fahrbaren Untersatz, währenddessen es in Deutschland rund 83 % sind.

Rokuon-ji, der Rehgarten-Tempel nahe Kyōto. – Fotos: Birgit Sauer

Obwohl nahezu jeder Japaner die sprichwörtliche Deutsche Pünktlichkeit verehrt, sind es doch vor allem die Japanerinnen und Japaner selbst, die überpünktlich sind. So basieren Arbeitsleben und Wirtschaft auf einer perfekt funktionierenden Eisenbahn, wobei der Superschnellzug „Shinkansen“ effizienter nicht sein könnte, beträgt seine durchschnittliche Verspätung zwischen Tokio und Osaka bei weniger als einer halben Minute und das bei mehr als 300 Zügen pro Tag und 145 Millionen Passagieren pro Jahr – an dieser Stelle gebietet sich ein japanisch-typisches Schweigen über unsere Erfahrungen mit der Deutschen Bahn.

Um beim Thema zu bleiben: Tagtäglich fahren etwa acht Millionen Menschen in Japaner mit der U-Bahn zur Arbeit, wobei es auf das effiziente Einsteigen ankommt. So reiht man sich bereits in kleinen Warteschlangen am Bahnsteig auf (etwas, was ich hierzulande noch nie beobachten konnte) und die Letzten steigen immer mit dem Rücken zuerst in die Bahn ein. Und sollten mal nicht alle in die U-Bahn-Wagen hineinpassen, dann helfen sogenannte Oshiyas nach (= jap. für „Drücker“). Da es aber in der Vergangenheit in den Zügen bei weiblichen Fahrgästen vermehrt zu unsittlichen Berührungen kam, wurden zur Vorbeugung extra Frauenwaggons oder -abteile eingerichtet.

Das Klischee, dass Japaner besonders höflich sind, kann bestätigt werden, haben ständiges Lächeln und Verbeugen doch einen hohen Stellenwert im Land der aufgehenden Sonne und werden bereits den Kindern antrainiert. Ab einem gewissen Alter gehört es zudem, nach wie vor, zum guten Ton, einen kleinen Vorrat an Visitenkarten bereitzuhalten und diese – selbstverständlich inklusive einer kleinen Verbeugung – auszutauschen, bilden sie doch den jeweiligen Menschen ab – ohne eine Visitenkarte fühlt man sich gesichtslos. Daran, sich einander mit Handschlag vorzustellen, muss sich daher ein Japaner erst einmal gewöhnen.

Japanerinnen und Japaner versuchen allerdings stets, den Respekt vor anderen Menschen zu wahren und niemandem etwas abzuschlagen. So existiert das Wort „nein“ im Grunde nicht, allenfalls werden Situationen eher erklärend umschrieben. Japanische Menschen halten die Deutschen wohl auch deshalb, weil sie Dinge oft verneinen, für nur mittelmäßig höflich. Irritationen lösen jedoch, wie jüngst die Paralympics in Tokio zeigten, Sonderwünsche von Gästen aus, beispielsweise nach einem bestimmten Rollstuhl, wenn bereits andere Rollstühle bereit standen. Ist die Irritation verflogen wird selbstverständlich der Sonderwunsch möglichst schnell erfüllt.

PS: Der Landesname bedeutet im weitesten Sinne tatsächlich „Land der aufgehenden Sonne“, denn er setzt sich aus den Zeichen 日 (= sowohl Tag als auch Sonne) und 本 (= Beginn / Wurzel / Ursprung) zusammen. Japans Eigenbezeichnung ist deshalb sowohl „Nippon“ als auch (umgangssprachlich ausgesprochen) „Nihon“.

Geschrieben von und © 2021 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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