DIGITALISIERUNG | Weil die Bundeswehr sie nicht hinbekommt, muss nun in jahrzehnte alte Technik investieren werden

Mitte der 1970er Jahre gewinnen Abba mit dem Song „Waterloo“ dem Europäischen Song Contest, kommt der erste VW Golf auf den Markt, die SPD wechselt den Bundeskanzler: Helmut Schmidt löste Willy Brandt ab, der wegen der Affäre um einen DDR-Spion zurücktrat. Und es tat sich noch etwas Kurioses, das mehr als vier Jahrzehnte später noch kurioser wird: die Firma Standard Elektrik Lorenz entwickelt für das Bundesverteidigungsministerium neue Funkgeräte.

Ende der 1970er Jahre erprobte die Truppe dann die beiden Modelle SEM80 und SEM 90, befindet sie für gut und ab 1984 verwendet die Bundeswehr die (für die damalige Zeit innovativen) Geräte, die heute noch als Standardfunkgeräte der Landstreitkräfte in die meisten BW-Fahrzeugen verbaut sind: robust, nahezu unverwüstlich, zuverlässig und … analog. Ihr Ende sollte zwar Mitte der 2000er Jahre mit Umstellung auf die Digitalisierung erfolgen, doch die bekam die Truppe nicht hin.

Allerdings wollte das Heer dies nicht an „die große Glocke hängen“ und so veröffentlichte das Koblenzer Beschaffungsamt der Bundeswehr im Sommer 2021 eher unscheinbar auf der europäischen Ausschreibungsplattform TED eine „Bekanntmachung“. In der hieß es, man habe mit der Firma Thales einen „Rahmenvertrag Fähigkeitserhalt Funkgerätefamilie SEM 80/SEM 90“ zwecks „Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit unter Beibehaltung aller bisherigen Fähigkeiten“ abgeschlossen.

Heißt auf gut Deutsch: Nach vier Jahrzehnten gibt selbst das robusteste analoge Gerät irgendwann seinen Geist auf und die Bundeswehr will deshalb in den nächsten Jahren bis zu 30.000 Funkgeräte nachbauen lassen, die auf keinen Fall mehr können dürfen als die Originale von 1981. Sie werden also auf dem damaligen technischen Stand sein und trotzdem mit ca. 20.000 Euro pro Stück nicht gerade billig ausfallen. Wer rechnen kann, der kommt auf insgesamt bis zu 600 Mio. Euro für Geräte, die sozusagen aus der Steinzeit der Fernmeldetechnik stammen. Dumm nur, dass es die Firma Standard Elektrik Lorenz heute nicht mehr gibt. Mit den Worten, dies sei (Zitat) „zwar eine Scheißlösung, aber ich trage sie mit“, wird ein hochrangiger Heeresoffizier hierzu im SPIEGEL zitiert.

Die Gründe für die Misere sind vielfältig. Zum einen musste die Truppe jahrelang sparen und wenn richtig viel Geld ausgegeben wurde, dann nur für großes Gerät, sprich: solches, das sich politisch gut vermarkten ließ. Also Flugzeuge, Panzer, Schiffe, bis hin zum Schulschiff Gorch Fock, das alleine nicht weniger als 135 Millionen Euro Sanierungskosten verursachte. Neue Funkgeräte waren aber bei den Haushaltsaufstellungen jedes Mal Streichobjekte. Da die Geräte nicht oberste Priorität hatten, wurde die dringend notwendige (weil abhörsichere) Digitalisierung im Rahmen der Beschaffungsbürokratie der Bundeswehr entweder Jahr für Jahr verschoben oder angestrebte gemeinsame Lösungen mit NATO-Partnern scheiterten, weil man sich nicht einigen konnte.

Weshalb aber nun die „Bekanntmachung“ und keine Ausschreibung? Hier stand wohl das Ergebnis der Suche nach einem neuen Sturmgewehr Pate und man wollte keinesfalls für eine Funkgeräte-Übergangslösung bis zum Jahre 2035 Ärger unterlegener Bieter wie im Falle Haeckler & Koch vs. C.G.Haenel heraufbeschwören. Thales soll deshalb den Prototyp eines neuen Funkgeräts entwickeln, das die gleichen Maße und Anschlüsse hat wie das alte, sodass es problemlos in alle Fahrzeuge eingebaut werden kann. Gleichzeitig aber wird es technisch so zurückgebaut, dass es auf dem gleichen Funk-Niveau bleibt wie die bisherigen SEM80 bzw. SEM90 Geräte – nur so lässt sich eine spätere Ausschreibung für die gewünschten Stückzahlen vermeiden.

Auch hier gilt wieder einmal der alte Verwaltungsgrundsatz: es wird gespart – koste es was es wolle.

Geschrieben von und © 2021 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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