DIE EXPERTINNEN | Frauen in der Verwaltung (1)

„Ich bin Verwaltungsangestellte, weil Superheldin in Deutschland noch keine offizielle Berufsbezeichnung ist.“ (Marion S. in Rahmen eines Verwaltungstrainings)

Frau Dr. M. hat im Rahmen ihrer Verwaltungstätigkeit im Baudezernat viel mit Männern zu tun. Deren Gehabe findet sie unnötig anstrengend, zudem würden sich die Kollegen oft seit ewigen Zeiten kennen und täten ungemein vertraut, berichtet sie. Gelegentlich fühle sie sich zwischen ihnen fehl am Platz. Ärgerlich findet sie, dass etliche Männer z. B. während e-Meetings mit Halbwissen protzen und wie gut dies von Vorgesetzten angenommen werde. Gute Ideen von ihr würden dagegen oft infrage gestellt. Das ärgere sie noch mehr und sie bat mich um Hilfe, wie sie mit der Situation besser umgehen könne.

Dass sie mich als männlichen Coach für ihr Anliegen wählt, schmeichelt mir natürlich, aber trotzdem ging es mir weder um das Anprangern von sog. „herrklären“ (damit sind Erklärungen eines Mannes gemeint, der davon überzeugt ist, er wisse mehr über eine Sache als die weibliche Person, mit der er spricht), noch um MItleid. Frau Dr. M. ging es um ihre berufliche Situation und die geschilderte Belastung; dies ernst zu nehmen und ihr zu helfen, etwas verändern zu können, war das Ziel.

Was sie inmitten einer Männergruppe wahrnimmt, ist kein Einzelfall und auch nicht verwaltungsspezifisch. Viele weibliche Mitarbeitende kennen Ähnliches, insbesondere wenn es in im Rahmen ihrer Tätigkeiten irgendwie auch um Sden EInfluss auf Projekte oder Erfolg geht – vom Platzhirschgebaren ganz zu schweigen. Frauen haben es in verantwortlichen Positionen immer schwerer und dazu müssen sie noch nicht einmal als ambitionierte Innovationsmanagerin inmitten einer eingestaubten Behörde tätig sein. Interessannterweise sagen laut Frau Dr. Eva Tolasch von der Friedrich-Schiller-Universität Jena [Anm.: sie forscht u.a. zu Frauenthemen sowie zur Soziologie sozialer Probleme, schreibt Artikel u.a zur Anatomie von Rassismus und Sexismus] fast alle Frauen, dass sie eher ungern in einem rein weiblichen Team arbeiten wollen würden.

Zurück zu Frau Dr. M.: Immer wieder erfahre ich im Rahmen des VerwaltungsCoachings Internas, die bei mir Kopfschütteln auslösen. In manchen Behörden scheint es wie auf dem Kinderspielplatz zuzugehen. Doch es ist weder Spiel noch Spaß für die Betroffenen, sondern mutet wie ein ständiges Spießrutenlaufen an und es ist ein ermüdender Kampf, wenn jemandem im Übertragenen Sinn immer wieder mal die Schaufel abgenommen bekommt. Ungerechtigkeit, darum geht es. Für mich gilt es Sichtweisen zu verändern und zwar vor der Analyse, wie Männer und Frauen besser zusammenarbeiten könnten. Im Fokus steht es, eine Situation zu erreichen, in der sich Menschen mit unterschiedlichen Zielen sowie Geschlechterollen mit voneinander abweichenden Wertvorstellungen innerhalb ihrer Organisation wertschätzend verhalten.

Drei Männer und eine Frau diskutieren gemeinsam im Büro – AdobeStock#268124031

Eines musste ich Frau M. klarmachen: sie wird (mit oder ohne Hilfe von mir) weder das Alphamännchen-Gehabe aushebeln noch die tiefen Freundschaften beenden können und die Krallen auszufahren um mit ihrem Expertinnenwissen das Halbwissen der Männerriege zu bekämpfen, wird sie nur noch mehr wertvolle seelische Kraft kosten. Ganz davon abgesehen, dass ihr letzteres dazu verhelfen wird, in Rekordzeit als nervige Zicke zu gelten. Nach unserem intensiven Kennenlerngespräch war en zwaei Dinge klar: einerseits ging es Frau Dr. M. darum, mit Ihren Ideen präsenter zu sein, mehr wahrgenommen, als Kollegin ernster genommen zu werden. Und es ging ihr um mehr grundlegende Ehrlichkeit, also, dass Männer auch einmal zugeben können, dass sie von einer Sache nicht soviel Ahnung haben.

Im Coaching machte Frau Dr. M. für sich bewusst, welche der für sie wichtigen Werte in bestimmten Momenten verletzt wurden und was sie sich stattdessen wünschte. So etwas ist essentiell, denn selbst wenn ein Mensch sich sicher ist, dass weder er noch sie das Problem darstellt, ist für die Lösung zuerst von Wichtigkeit, die eigenen Werte klar zu beschreiben. Dazu gehörte es im Falle von ihr auch, pei passender gelegenheit einmal offen die Frage in die Runde zu stellen, ob alle verstehen, wie sie sich dort als einzige Frau fühlt. Und würden (bzw. wie würden) die Männer „aus allen Wolken fallen“, wenn M. sie des ideenklaus bezichtigt bzw. ist es vorstellbar, dass sie beim nächsten e-Meeting, quasi zur Strafe, noch einen Scheit mehr auf Feuer legen?

Um das Ergebnis des Coachingsvorwegzunehmen: Am Ende kam Frau Dr. M. zur Erkenntnis, dass sie einmal mit Ihren Kollegen darüber sprechen sollte, wie sie das ganze empfindet, verbunden mit wertschätzenden Worten, was sie an jedem einzelnen als Besonders wahrnimmt, gefolgt davon, wie sie sich fühlt, wenn sie mir ihren Ideen nicht angenommen wird und dem, was sie sich „von unserer Gruppe“ in Zukunft wünscht. Die Chance war groß, dass sie fortan nicht als schwaches Opfer, das man eicht übetrumpfen kann, eingeschätzt wird sondern als eine Kollegin inmitten von Kollegen. Ohne Rechtfertigung oder Vorwürfe agierend, sondern sachlich und klar. Ohne kämpferische Wut in den Worten, sondern mit Respekt auf Augenhöhe. Weiteres Ergebnis des Coachings war die Erkenntnis von Frau M. (die nun auch nicht mehr auf dem „Frau Dr.“ beharrte), dass, falls sich langfristig nichts verändert, sie ein anderes Arbeitsumfeld finden sollte, das besser zu ihr und ihren Werten passt.

Im Nachgang erzählte sie mir, dass es zumindest einen Kollegen gab, zu dem Sie im Vorfeld ihres „Gefühls-Outings“ einen guten Draht aufbaute und ein Gespräch unter vier Augen führte. So stand er ihr bei, als sie den Rahmen und Zeitpunkt für ihr Solo innerhalb der Runde fand. Dadurch wurde den anderen Kollegen das eigene Verhalten bewusster und es veränderte sich etwas. Was womöglich im Nachgang sogar die gesamte Gruppe, sprich: „unsere Gruppe“, betrifft, denn es ist schließlich erwiesen, dass Vielfalt Teams erfolgreicher macht – und ein mehr an Erfolg gefällt am Ende Männern ebenso wie Frauen.

Geschrieben von und © 2021 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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