Ich möchte Ihnen die Geschichte eines jungen Mannes Anfang 20 erzählen, den ich hier Peter nenne. Wenn man ihn heute erlebt, würde man vielleicht nicht sofort vermuten, wie schwierig sein bisheriger Lebensweg manchmal gewesen ist. Dabei gab es schon sehr früh kleine Hinweise darauf, dass Peter die Welt ein wenig anders wahrnahm als andere Kinder.
Als kleiner Junge bekam er ein Bobbycar. Die meisten Kinder setzen sich darauf und fahren los. Peter machte etwas völlig anderes: Er drehte das Bobbycar einfach um und beschäftigte sich mit den Rädern. Er beobachtete, wie sie sich drehten, bewegte sie immer wieder und schien damit vollkommen zufrieden zu sein. Seine Eltern dachten damals: „Er ist eben ein bisschen anders.“ Heute wissen sie, dass dieses Verhalten durchaus ein Hinweis auf Autismus war. Aber es blieb nicht bei solchen kleinen Besonderheiten.
Peter konnte urplötzlich und ohne erkennbaren grund schreien, Dinge durch die Gegend werfen, treten oder um sich schlagen. Manchmal sagte er Worte, die seine Eltern tief verletzten. Einmal beschimpfte er seine Mutter sogar auf übelste Weise, was diese ebenso geschockt wie ratlos zurück lies. Für die Familie war das alles schwer auszuhalten. Aber Autist konnte er nicht sein, dachten sie, denn dazu war er immer wieder mal viel zu herzlich, wollte bei allen Aktivitäten unbedingt dazugehören.
Auch im Kindergarten versuchte er offensichtlich mit großer Kraft, sich an seine Umgebung anzupassen. Er beobachtete andere Kinder und übernahm deren Mimik, Gestik und Verhalten. Seine Mutter konnte manchmal regelrecht erkennen, mit welchem Kind Peter an diesem Tag besonders viel Zeit verbracht hatte – weil er anschließend dessen Gesichtsausdruck und Verhalten übernommen hatte. Heute würde man dafür den Begriff „Masking“ verwenden: Peter versuchte hierdurch unbewusst, seinen Autismus nach außen möglichst unsichtbar zu machen.
In der Schule wurde die Situation dann wesentlich schwieriger. Nach etwa einem halben Jahr in der ersten Klasse sagte die Lehrerin zu seinen Eltern: „Ihr Sohn weint jeden Tag.“ Diese suchten Hilfe, doch zunächst wusste niemand so recht, was mit Peter los war. Knapp zwei Jahre später nahmen seine Wutausbrüche zu. Einmal war er nach der Schule so verzweifelt und wütend, dass er ein Blumenbeet zertrat, das andere Kinder angelegt hatten. Erneut war dieser Moment für seine Mutter erschreckend. Sie fragte sich: „Warum macht mein Kind so etwas? Was passiert hier eigentlich? Und wohin führt das noch? Er ist doch erst acht Jahre alt.“ Doch dann zeigte ihr Sohn auch seine andere Seite und war, nachdem er sich beruhigt hatte, völlig verzweifelt über das, was er getan hatte. Von seinem Taschengeld kaufte er neue Blumen, entschuldigte sich und half dabei, das zerstörte Beet wieder herzurichten.
Das war Peter: ein Kind, das manchmal völlig außer Kontrolle geriet – und gleichzeitig ein junger Mensch mit einem ausgeprägten Gefühl für richtig und falsch. Weiterhin gab es auch zu Hause ständig Konflikte. Besonders die Hausaufgaben wurden zum täglichen Drama. Seine Eltern hatten das Gefühl, überhaupt nicht zu ihm durchzudringen. „Jetzt mach doch endlich! Du kannst das doch!“ Diesen Satz hätte man, wie sie später sagten, beinahe hundertmal am Tag wiederholen können. Noch wussten sie nicht, dass er wie ein Farbenblinder, bestimmte Dinge nicht sehen, nicht verstehen, konnte.
Die Familie suchte weiter nach Hilfe. Im SBZ, einem sozialpädiatrischen Zentrum, wurde Peter untersucht. Dort beschrieb man ihn unter anderem als einen besonders eigenwilligen (O-Ton) „Charakterkopf“ und äußerte sogar die Sorge, er könne später einmal auf die schiefe Bahn geraten. Man empfahl ihnen eine Familientherapie. Manches wurde etwas besser. Aber die grundlegende Frage blieb: Was stimmt eigentlich mit diesem Kind nicht?
In weiterführenden Schule fand Peter immer noch keinen richtigen Anschluss, gehörte zu keiner Clique, zu keiner festen Gruppe. Und darunter litt er. Schon mit sechs Jahren hatte er sic seinem Großvater offenbart und gesagt: „Ich wäre so gerne wie die anderen.“ Dieser eine Satz sagt eigentlich sehr viel, denn Peter wollte dazugehören: Er wusste nur nicht, wie.
Gegen Ende der fünften Klasse geriet Peter mit einem Lehrer aneinander. Die Situation eskalierte so sehr, dass er zu Hause seinen Eltern sagte: „Bevor ich noch einmal mit diesem Lehrer in einem Klassenraum bin, werfe ich mich vor den Schulbus.“ Da war beiden spätestens jetzt klar, dass das keine normale Trotzreaktion mehr ist: Ihr Sohn war tief verzweifelt. Kurz darauf kam aus der Schule die Aussage, Peter sei in dieser Form nicht beschulbar. Er solle auf eine Förderschule gehen. Und plötzlich tauchten Begriffe auf, die bis dahin überhaupt nicht zu ihrem Bild von ihrem Sohn passten: – Entwicklungsstörung. – Schwerbehindertenausweis. – Pflegegrad.
Seine Eltern suchten verzweifelt nach einer anderen Lösung, denn Peter selbst wollte unbedingt auf „seiner“ Gesamtschule bleiben. Alle waren ratlos, bis etwas ganz Entscheidendes geschah: Er durfte in eine Parallelklasse wechseln. Dort traf er auf zwei Lehrerinnen, die ihn anders behandelten. Sie verstanden ihn besser, gaben ihm mehr Sicherheit und ließen ihm offenbar den Raum, den er brauchte. Und mit einem Mal war Peter wie ausgewechselt, konnte wieder lernen, fand Anschluss. Sogar eine Freundschaft zu einer Mitschülerin entstand, die bis heute besteht.
Trotzdem wollten seine Eltern endlich wissen, was hinter all den Schwierigkeiten steckte. Zunächst wurde bei Peter ADHS diagnostiziert, aber schon kurze Zeit später, um seinem elften Geburtstag herum, folgte schließlich die Diagnose: ASS. Für die Eltern war das zunächst eine enorme Erleichterung, gab es doch plötzlich eine Erklärung. All die Jahre hatten sie immer wieder gehört, sie würden etwas falsch machen. Sie seien vielleicht zu nachgiebig, zu streng oder müssten ihren Sohn einfach konsequenter erziehen.
Nun wurde klar: Peter war nicht einfach schlecht erzogen. Er funktionierte anders. Aber eine Autismus-Diagnose bringt nicht nur Erleichterung; mit ihr kamen auch neue Gedanken und Ängste. Die Eltern mussten lernen, Abschied zu nehmen von manchen Vorstellungen, die sie für Peters Zukunft gehabt hatten. Vielleicht würde er nie problemlos in einen Sportverein gehen. Vielleicht würde er Schwierigkeiten haben, eine passende Arbeitsstelle zu finden. Vielleicht würde er viel Zeit allein verbringen. Vielleicht würde er nie so selbstverständlich mit anderen Menschen umgehen können, wie man es sich für sein Kind wünscht.
Dieser Abschied von einem im Gedanken vorbestimmten Lebensentwurf dauerte Jahre, so die Mutter. Es war, so beschrieb sie es später, ein regelrechter Trauerprozess. Doch irgendwann kippten die Fragestellungen von „Warum ist Peter nicht wie die anderen?“ hin zu „Was braucht er, damit sein Leben für ihn funktioniert?“ Das veränderte vieles. Peter bekam eine Schulbegleiterin, die ihn großartig unterstützte. Nach zwei Jahren kam er sogar ohne sie zurecht.
In der Oberstufe schaffte er es allerdings nicht mehr jeden Tag in die Schule. Zwei oder drei Tage pro Woche waren manchmal alles, was möglich war. Für Außenstehende war das verständlicherweise schwer zu verstehen. Aber seine Mutter erklärte es ihnen immer wieder mit einem Satz, den sie von einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie übernommen hatten: „Wenn Peter in der Schule seinen Autismus maskiert, ist das für ihn wie einen ganzen Tag zu schauspielern und das oft noch in einer Fremdsprache.“ Und dabei muss er gleichzeitig zuhören, lernen, soziale Situationen verstehen, reagieren und funktionieren – das kostet Kraft. Sehr viel Kraft.
Und trotzdem passierte etwas, womit vielleicht nicht alle gerechnet hatten: Aufgrund seiner Spezialbegabungen machte Peter sein Abitur und das mit der Note 1,0. Und rutschte danach in eine Art Tal, heißt: Es passierte erst einmal – nichts. Ein Jahr lang blieb er überwiegend zu Hause. Sein Zimmer wurde zu seinem Rückzugsort. Kein Nebenjob, kein Führerschein, keine großen Abenteuer. Das war für seine Eltern nur schwer auszuhalten. Nur eine Sache zog Peter konsequent durch: Freeclimbing, seinen Hallensport. Dann kam die nächste Überraschung. Peter lernte über das Internet eine junge Frau kennen. Aus dem Kontakt wurde eine Beziehung und sie besuchten sich sogar für längere Zeit. Die beiden machten gemeinsam Ausflüge. Vor allem für seine Mutter war dies ein besonders berührenden Moment: Ihr Sohn, dem körperliche Nähe mit zunehmendem Alter immer schwerer gefallen war, konnte plötzlich seine Freundin in den Arm nehmen. Dadurch wurde ihr bewusst: Es gibt Dinge, die vielleicht nicht unmöglich sind. Sie brauchen manchmal einfach ihren eigenen Weg und ihre eigene Zeit.
Heute studiert Peter, ist in der WhatsApp-Gruppe seiner Fachschaft. Er war bei der Einführungswoche aktiv dabei und sogar mit anderen Studenten auf Kneipentour. Wenn man diese Geschichte kennt, erscheinen solche scheinbar kleinen Dinge plötzlich ganz groß. Denn dieser junge Mann konnte ja seinen Weg nicht so gehen, wie andere ihn gegangen sind. Er konnte aich nicht trainieren „normal“ zu werden. Er musste lernen, Peter zu sein – und eine Umgebung finden, in der das möglich ist. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser Geschichte:
Eine Autismus Spektrum Störung bedeutet nicht, dass ein Mensch keine Zukunft hat. Es bedeutet, dass seine Zukunft möglicherweise anders aussieht, als andere sie sich vorgestellt haben. Und Peter hat seinen Weg noch lange nicht beendet. Doch er hat mit weiner Entwicklung seiner Familie etwas gegeben, was ihr seiner der ASS-Diagnose oft gefehlt hatte: Zuversicht. Die Zuversicht, dass Peter sein eigenes Leben finden wird. Auf seine Art. Zu seiner Zeit.
Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2024 bis 2026 für CBQ / BRAIN.EVENTS