VERGESSEN ODER ERINNERN: Kann man sein Gehirn gezielt darauf trainieren?

In jungen Jahren muss unser zentrales Denkorgan enorme Mengen an Informationen aufnehmen. Dennoch bleibt von vielen Lernanstrengungen nur ein kleiner Teil dauerhaft erhalten. Andere Inhalte dagegen begleiten einen ein Leben lang. Ähnlich ist es im Alter, wenn man Dinge vergisst, die einem wichtig sind: Namen, Orte, Begebenheiten. Andere wiederum, oft aus der zeitlich lang entfernten Vergangeneit, fallen einem plötzlich wieder ein. – Warum ist das so?

Entscheidend ist die Bedeutung einer Information. Inhalte, die mit Emotionen, persönlichen Erlebnissen oder mehreren Sinneseindrücken verknüpft sind, werden im menschlichen Gehirn wesentlich besser gespeichert als isolierte Fakten. Deshalb bleiben beispielsweise Liedtexte oder prägende Kindheitserinnerungen oft jahrzehntelang erhalten, während andere Einzelheiten schnell wieder verblassen. Fakt ist: Unser Geist ist neuroplastisch und das ist nicht vom Alter abhängig. Lernen verändert das Gehirn fortlaufend, denn zwischen Nervenzellen können durch das Lernen neue Verbindungen entstehen oder bestehende Netzwerke werden verstärkt. Besonders häufig wiederholte oder emotional bedeutsame Informationen gelangen über das Arbeitsgedächtnis in den neuronalen Langzeitspeicher und werden dort stabil verankert.

Etwas vergessen ist dabei kein Mangel, sondern eine lebenswichtige Funktion. Unser Oberstübchen ist nicht als perfekter Datenspeicher entwickelt worden, sondern als Organ für situationsgerechtes Handeln. Unwichtige Informationen werden daher kontinuierlich abgeschwächt oder gelöscht, um Platz für Neues zu schaffen. Ein wesentlicher Teil dieser „Aufräumarbeit“ erfolgt übrigens während unseres Schlafs. Gelegentliche Vergesslichkeit gehört daher – nochmals: unabhängig vom Lebensalter – zum normalen Alterungsprozess. Warnzeichen, auf die man unbedungt achten muss, sind dagegen ein rascher Gedächtnisabbau, Orientierungsstörungen, Schwierigkeiten bei vertrauten Alltagstätigkeiten oder auffällige Persönlichkeitsveränderungen. In solchen Fällen sollte, oder besser gesagt: muss, eine neurologische Abklärung erfolgen.

Bewusstes Vergessen gelingt uns jedoch nur selten. Im Gegenteil: Das wiederholte Grübeln über belastende Erinnerungen kann diese sogar festigen. Ein gezieltes Einprägen neuer Informationen ist dagegen gut trainierbar. Bereits kurze, regelmäßige Gedächtnisübungen können die Merkfähigkeit deutlich verbessern. Zu den wirksamsten Gedächtnistechniken gehören bildhafte Vorstellungen, die Methode des Gedächtnispalastes sowie das aktive Abrufen von Wissen statt bloßen Wiederlesens. Solche FLEXBRAIN-Verfahren befördern die Bildung stabiler neuronaler Netzwerke.

Nochmals: Die Lernfähigkeit des Geistes bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Entscheidend sind regelmäßige geistige Herausforderungen, körperliche Bewegung, ausreichender Schlaf, soziale Kontakte und eine ausgewogene Ernährung. Neue Fähigkeiten – etwa das Erlernen einer Sprache, eines Instruments oder einer Sportart – stellen besonders wirksame Trainingsreize dar. Und auch moderne Technologien beeinflussen das menschliche Gedächtnis, wie jüngste Studien belegt haben. Allerdings habe diese ebenso bestätigt, was Wissenschaftler zuvor schon geahnt hatten: Werden Smartphone oder KI zum vollständigen Ersatz des eigenen Erinnerns, nimmt die geistige Eigenleistung ab. Werden sie dagegen gehirn-genial genutzt, um Wissen besser zu strukturieren, Zusammenhänge zu verstehen und das eigene Denken anzuregen, können sie den Lernprozess sinnvoll unterstützen.

Letztlich gilt: Unser Gehirn wird nicht dadurch leistungsfähig, dass es möglichst viel speichert, sondern dadurch, dass es Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Vor allem dann, wenn Lernen Spaß macht, wird Wissen sinnvoll verknüpft und kann flexibel angewendet werden,denn genau darin liegt die eigentliche Stärke des menschlichen Gedächtnisses.


Nebenbei bemerkt 1: Machen Smartphones und/oder Künstliche Intelligenz vergesslicher?

Das hängt vor allem davon ab, wie wir sie nutzen. Wer sich Telefonnummern, Termine oder Fakten ausschließlich vom Smartphone merken lässt, trainiert sein eigenes Gedächtnis immer weniger. Hinzu kommt, dass permanentes Scrollen durch soziale Medien das Arbeitsgedächtnis stark beansprucht.

Anders sieht es bei Künstlicher Intelligenz aus: Richtig eingesetzt kann sie das Lernen unterstützen, indem sie komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt oder beim Strukturieren von Wissen hilft. Voraussetzung ist allerdings, dass wir die Inhalte anschließend selbst aktiv verarbeiten.

Nebenbei bemerkt 2: Macht KI unser Gehirn leistungsfähiger?

Langfristig könnte KI unsere geistige Leistungsfähigkeit durchaus unterstützen. Ausschlaggebend ist jedoch, dass sie das eigene Denken ergänzt und nicht ersetzt. Wenn intelligente Systeme Routineaufgaben übernehmen, bleibt mehr Zeit für kreatives Denken, Problemlösen und echtes Lernen – Fähigkeiten, die auch in Zukunft unersetzlich bleiben. Wer jedoch KI nutzt, um mit ihrer Hilfe die eigene Bequemlichkeit zu unterstützen, der verlernt schnell jene Fähigkeiten, die uns Menschen eigentlich auszeichnen: selbstständiges Denken, Kreativität, Problemlösungsfähigkeit und die Bereitschaft, sich geistig anzustrengen.

Das Problem ist dabei nicht die KI selbst, sondern die Art und Weise, wie sie eingesetzt wird. Ein Beispiel: Früher hat sich in Bibliotheken weitergebildet. heutzutage jede Frage sofort an eine KI weitergibt, gewöhnt sich möglicherweise daran, Antworten zu konsumieren, statt selbst nach ihnen zu suchen. Dabei ist gerade der Weg zur Antwort entscheidend: Nachdenken, Zweifel, Irrtümer und das Überprüfen eigener Vermutungen sind wesentliche Bestandteile des Lernens.

Da zudem unser Gehirn kein statischer Speicher ist, sondern ein lernfähiges Nervenzellen-System, dass sich durch Erfahrungen, Herausforderungen und geistige Aktivität verändert, wird Bequemlichkeit zur Gefahr, weil jede ausgelagerte Aufgabe im Grunde den Geist ausbremst. Nur wer regelmäßig selbst aktiv denkt, lernt und Probleme löst, erhält sich Kreativität, die ja dadurch entsteht, ungewöhnliche Gedankenkombinationen, Umwege, Zufälle und scheinbar unsinnige Ideen zu durchdenken.

Wer beispielsweise eine KI sofort um zehn kreative Vorschläge bittet, erhält möglicherweise zehn brauchbare Ergebnisse, vernachlässigt aber den eigenen kreativen Prozess. Gerade das vermeintlich unsinnige Herumspinnen, das Verwerfen schlechter Ideen und das Entwickeln eigener Lösungswege können zu überraschenden Einfällen führen. Die Gefahr besteht also darin, dass wir uns unserer Oberstübchen nicht mehr selbst überrascht, sondern dass wir uns überraschen lassen.

Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2022 bis 2025 für CBQ / BRAIN.EVENTS

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