SIK? (SCHALTER IM KOPF 13) | ASS: Wenn Schalter im Gehirn blockiert sind (2/3)

Lesen Sie HIER Teil 1 des Artikels!

Vor den Anfang des Artikels stellte ich das Zitat von Susanne SCHÄFER mit der Feststellung, dass Autismus keine Charaktereigenschaft ist, sondern etwas, das „… einem oft die Chancen in der ‚Normalwelt‘ und die eigene Lebensqualität sehr einschränkt.“ Präziser schildert es Ph.D. Sven BÖLTE, Leiter der ASS-Forschungsgruppe am Stockholmer Karolinska-Institut, wenn er sagt: „Autismus ist im Grunde das Asperger-Syndrom. Unterschiedlich ist im Spektrum der Störungen lediglich die Schwere der Symptome.“ Wobei er klarstellt, dass in der Neurologie weiterhin unklar sei, was bei den verschiedenen AutistInnen genau untypisch in der Entwicklung von Gehirn und Nervensystem verläuft. Aus bildgebenden Verfahren von MRT-Hirnscannern* weiß man, dass AutistInnen weniger Aktivität in Hirnregionen zeigen, die für die Verarbeitung von Gefühlen und Sprache zuständig sind oder für die Erinnerung an Gesichter. Dafür gibt es eine stärkere Aktivität dort, wo Objekte verarbeitet und Details eines Systems erkannt werden.

Dabei macht man sich zu Nutze, dass das unser zentrales Denkorgan ein regelrechter Energieverschwender ist. Wo immer sich Gehirnzellen regen, verbrauchen sie Energie, die vor allem durch Glukose erzeugt wird, die mit Hilfe von Sauerstoff verstoffwechselt wird. Obwohl unser Gehirn nur etwa 5 Prozent der Körpermasse ausmacht, konsumiert es etwa 20 Prozent der Glukose. Indem der Glukoseverbrauch des Gehirns gemessen wird, können Forschende somit indirekt etwas über die Tätigkeit von Neuronen in Erfahrung bringen. Ein Problem der bildgebenden Verfahren ist allerdings, dass sie neuronale Aktivierungen nur indirekt über die damit einhergehenden Stoffwechselprozesse erfassen und außerdem wesentlich langsamer arbeiten, als das Gehirn selbst. Es ist also keineswegs der Fall, wie in den Medien gelegentlich behauptet, dass man einen Menschen einfach in ein MRT legen und dann direkt sehen kann, wie sein Gehirn arbeitet.

Mit diesem Hintergrundwissen sollte man sich auch die einzelnen ASS nach dem ICD-10-GM ansehen:

Frühkindlicher Autismus (FA), auch Kanner-Syndrom benannt, beginnt zu Anfang des Leben eines Kindes und geht oft einher mit Störungen der Sprachentwicklung, kann sogar auf eine mögliche geistigen Behinderung hindeuten. Das Kanner-Syndrom tritt vor dem dritten Lebensjahr auf, wobei eine eindeutige Diagnose in der Regel erst ab 18 Monaten erfolgen kann. Während einige FA nie sprechen lernen, fallen andere schon früh durch ihre gewählte Sprache auf und es gibt auch solche, die beispielsweise nur zu besonderen Zeiten des Tages mit ausgewählten Personen verbal kommunizieren. Sie alle zeigen aber in der Regel immer dieselben, wiederkehrenden Verhaltensmuster und haben ähnliche Schwierigkeiten, mit anderen zu interagieren. (Nebenbemerkung: Im Falles des autistischen Kindes in unserer Famile erfolgte die Diagnose kurz vor dem zweiten Lebensjahr.)

Atypischer Autismus (AA) ist die seltenste Form der Autismus-Spektrum-Störungen und hat die Besonderheit, dass er grundsätzlich FA sehr ähnlich ist, bei der Diagnose jedoch nicht alle FA-Kriterien erfüllt sind, weshalb er als „atypisch“ klassifizert wurde. So können Auffälligkeiten eines atypisch-autistisch erkrankten Kindes auch erst nach dem dritten Lebensjahr auftreten. Die einen sind motorisch ungeschickt, andere zeichnen stundenlang – es gibt den geistig beeinträchtigten AA ebenso wie den mit dem außergewöhnlichen Zahlengedächtnis. AA macht rund 10 Prozent der Fälle aller ASS aus und ist damit, im Vergleich zu Frühkindlichem Autismus und Asperger-Autismus, relativ selten.

Sehr häufig ist das Asperger Syndrom (AS), welches sich durch einen späteren Beginn (beispielsweise erst ab dem dritten Lebensjahr) zeigt und in vielen Fällen ohne Sprachentwicklungsstörungen verläuft. Sogenannte „Asperger AutistInnen“ weisen eine normale bis hohe Intelligenz auf und verfügen über solide sprachliche Fähigkeiten, neigen jedoch im späteren Leben oft dazu, Dinge oder auch Sprichworte wörtlich zu nehmen. Menschen mit AS erleben Sinnesreize äußerst intensiv, entwickeln eine Abneigung gegenüber Veränderungen und haben meist sehr spezielle Interessen.

Die desintegrative Störung im Kindesalter (DS) und das Rett-Syndrom (RS) sind zwei eher selten vorkommende Formen von Autismus und im Rahmen der Autismus-Spektrum-Störungen tiefgreifende Entwicklungsstörungen. So kommt es sowohl bei DS als auch RS nach einer anfänglichen normalen geistigen Entwicklung zum Verlust bereits erworbener Fähigkeiten. So führt beispielsweise RS zu einer Verschlechterung der sozialen Fähigkeiten, einem Verlust sprachlicher Fertigkeiten und zu repetitiven Handbewegungen. DS ist wiederum gekennzeichnet durch einen, teilweise dramatischen, Verlust von Verhaltensmustern und bereits erfolgten Entwicklungsleistungen nach zuvor normaler Entwicklung.

in der Artikelüberschrift heißt es „Wenn Schalter im Gehirn blockiert sind“. Doch weshalb blockieren bei der ASS die Schalter im Kopf? Neurowissenschaftlich erwiesen ist, dass dies überwiegend genetische Ursachen hat und mit über 90 Prozent vererbt ist. Allerdings sind die genetischen Gründe hochkomplex und vielfältig, sodass Schuldzuweisungen (wie sie in manchen Familien vorkommen sollen) ins Leere gehen. Bei Kindern, Heranwachsenden oder Erwachsenen, die an Autismus-Spektrum-Störungen leiden, steht stets der Mensch im Mittelpunkt. Da sich dieser oft zurückzieht oder seine Gefühle nur schwer kontrollieren kann. Eltern, sollten Eltern, Angehörige oder Betreungspersonen die Gefühlswelt von AutistInnen ernst nehmen und versuchen die Krankheit zu verstehen und möglichst ohne Vorbehalte zu akzeptieren.

So kann schwierigen Situationen im Alltag vorgebeugt werden und das autistische Sein nicht mehr als Abgrenzung zum „normalen“ Leben gesehen werden, sondern als ein eigenständiges DA-Sein. Nicht schlechter als bei Menschen ohne ASS oder besser – nur anders.

Lesen Sie HIER Teil 3a des Artikels!

* = Mehr als je zuvor leben wir aktuell in einem visuellen Zeitalter. Hirnscans erscheinen und deshalb als quasi Liveschnappschüsse der menschlichen Denkzentrale. In Wahrheit handelt es sich hierbei jedoch um hochgradig künstliche erzeugte Laborabbildungen, die gleichwohl den den Erkenntnisfortschritt in der Neurowissenschaft befeuern.

Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2023 für BRAIN.EVENTS / CBQ & CBQ blue

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