WIE GEHT EFFEKTIVES SPENDEN? | Über die Rationalität des Irrationalen

Rainer W. Sauer ist seit 1975 in und mit der Verwaltung tätig. Er zählt zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und ist zudem Team- und Individual-Coach. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ Verwaltungstraining gegründet, um Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er in diesem Blog Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther und im Netz zu erleben: Anfang der 2000er Jahre wurde Rainer W. Sauer für seine Radiosendungen mit mehreren Hörfunkpreisen ausgezeichnet.


„Hast du jemals eine Gabe gespendet, ohne dass du dich wenigstens in deinem Innern ihrer wohlgefällig rühmtest? Beobachte dein Ich, so wirst du merken, dass es stets auf der Lauer liegt, dich um den Wert dessen, was du tust, zu betrügen.“ (Karl May)

Zum Weihnachtsfest häufte sich in Fußgängerzonen naturgemäß die Zahl der Bettler und Obdachlosen und im Fernsehen sah man hungernde Kinder ferner Kontinente oder leidende Tiere. Dies macht Sinn, wenn es an die Barmherzigkeit anknüpfen soll, die viele Menschen in dieser Zeit empfinden, wenn sie ihr Herz etwas stärker erwärmen als sonst und in der Adventszeit bereit sind, „für das Gute“ ein wenig mehr Geld zu investieren als sonst.

Doch nach welchen Kriterien gewichten Menschen ihre finanzielle Barmherzigkeit? Gibt man / frau / mensch Almosen oder wird großzügig Geld gespendet? Es ist überraschend, wie sehr manche Weihnachtsherzen im Gleichklang mit Gehirnen „ticken“. Und dabei geht es noch nicht einmal um die Frage, was der eigenen Seele wichtiger ist: einer Flüchtlingsmutter und ihren Kindern zu helfen oder vielleicht doch lieber einem deutschen Obdachlosen nebst Hund mit blinkendem Halsband?

Selbstlos uneigennützige Menschen – man nennt sie Altruisten – denken anders als ein Durchschnittsmensch. Für viele von ihnen ist Wirksamkeit das Wichtigste, wenn es um das Spenden geht. Es gibt sogar Web-Plattformen wie beispielsweise effektiv-spenden.org, die darüber informieren, wie man beim Spenden mit der beabsichtigten Summe möglichst viel bewirken kann. Hierzu stellen diese Plattformen Organisationen vor, die Menschen in Not nachweislich und effektiv helfen. Die wissenschaftliche Messung der Wirkung habe sogar aufgezeigt, dass die besten solcher Organisationen mehr als 100-mal wirksamer sein können, als die persönliche Spendenpräferenz des einzelnen Durchschnittsmenschen, berichtet effektiv-spenden.

Ende der 2000er Jahre ins Leben gerufen von Philosophen, Ökonomen und Mathematikern, hilft Altruismus dabei, Nächstenliebe radikal neu – sprich: rational – zu denken. Aktuell leben die meisten Anhänger der Bewegung in den Vereinigten Staaten und Kanada, Australien, Großbritannien aber auch in Deutschland und ein erweiterter moralischer Horizont ist ihr Kompass. Wie der US-amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg festgestellt hat, sieht jeder Mensch einen gewissen Kreis von Menschen als Teil seiner selbst an. Das ist wichtig zu wissen, da ein menschlisches Individuum nur jene Artgenossen uneingeschränkt moralisch behandelt, mit denen es sich identifiziert, sie so behandelt, wie es auch selbst behandelt werden möchte.

Ein Mensch mit ethnologisch-/soziologischer Weltsicht engagiert sich dagegen auch noch für eine Gruppe, Bewegung, vielleicht sogar eine ganzen Nation. Altruisten jedoch identifizieren sich mit der gesamt Menschheit. Das erklärt, weshalb ihnen das Kind eines Nachbarn von nebenan ebenso nah isein kann, wie eines, das auf den anderen Seite des Erdballs lebt. Ebenso gehören für viele der sog. effektiven Altruisten jegliche Tiere als fühlende Lebewesen in eine Hilfs-Linie gemeinsam mit uns Menschen. Einige denken sogar noch einen Schritt weiter und versuchen nachfolgende Generationen beispielsweise vor den Folgen der Erderwärmung ebenso zu bewahren wie vor Pandemien oder der möglichen Allmacht von Künstlichen Intelligenzen.

Natürlich sind es hohe Maßstäbe, die die selbstlosen, uneigennützigen Menschen ansetzen – auch beim Spenden. Bemängelt wird von ihrer Seite aus u.a., dass von Regierungen, nicht-staatlichen Organisationen oder Privatpersonen jedes Jahr weltweit Hunderte Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke ausgegeben werden, zugleich aber knapp 700 Millionen Menschen in extremer Armut leben müssen. Das große Problem liegt jedoch darin, dass sämtliche Spenden und ehrenamtlichen Arbeitsstunden der Welt nicht einmal im Ansatz ausreichen, um so viel Gutes zu tun, wie es notwendig wäre. Währendem die meisten Menschen dies irgendwie ausblenden und nur zur Weihnachtszeit durch Erlebnisse in Fußgängerzonen oder Aufrufe im Fernsehen den Impuls erhalten, Gutes zu tun, beschäftigt dies Altruisten rund um die Uhr.

Deshalb gehen beispielsweise effektive Altruisten organisiert oder alleine anders an das Spenden heran, kartografieren den globalen Schrecken von Armut, Hunger und Naturkatastrophen und versuchen sodann, das Grauen exakt und gerecht nach Dringlichkeit zu sortieren, wobei es ganz offensichtlich drei Maxime gibt: 1.) Was verursacht sehr viel Leid bei sehr vielen Lebewesen? /// 2.) Wie kann ich es mit überschaubaren Ressourcen deutlich verbessern oder gar lösen? /// 3.) Welchen Bereich haben Helfer bisher eher vernachlässigt oder vernachlässigen müssen? Neben effektiv-spenden.org staffelt auch die Plattform Givewell und das Global Priorities Institute Hilfsangebote objektiv nach deren Wirksamkeit, um die Probleme der Welt dringlich zu lindern. So empfiehlt GiveWell unter anderem niedrigschwellige Maßnahmen, darunter die Verbreitung von Moskitonetzen gegen Malaria, da ihrer Ansicht nach die Verbesserung der Gesundheit direktes Leid durch Krankheiten abwehre, wie es auf deren Webseite zu lesen ist.

Bei all dem gehe es nicht darum, sagen Altruisten, Leid gegeneinander aufzurechnen, sondern knappe Ressourcen müssten wirksamer genutzt werden. Damit sieht es prinzipiell schlecht aus für deren Spendengelder zugunsten der Flüchtlingsmutter und ihren Kindern und den deutschen Obdachlosen nebst Hund. Allerdings scheinen Altruisten nicht dogmatisch vorzugehen und lassen unter bestimmten Umständen Ausnahmen zu. Beispielsweise um den eigenen Kindern beizubringen, was Nächstenliebe ist – nämlich grundsätzlich zwar ineffektiv, prinzipiell aber wichtig.

Geschrieben von und © 2022 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining (Ein großer Dank geht an Stefan Schultz für die Inspiration durch seinen Artikel „Was ist gutes Spenden?“)

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