TRAINING VS. COACHING (2) | Es gehört Mut dazu, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er lügt oder sich selbst belügt

Rainer W. Sauer ist seit 1975 in und mit der Verwaltung tätig. Er zählt zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und ist zudem Team- und Individual-Coach. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ Verwaltungstraining gegründet, um Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er in diesem Blog Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther und im Netz zu erleben: Anfang der 2000er Jahre wurde Rainer W. Sauer für seine Radiosendungen mit mehreren Hörfunkpreisen ausgezeichnet.


{Lesen Sie HIER einen anderen Aspekt des Leit-Themas!]

„Ein Trainer trainiert Menschen, ein Coach unterstützt sie.“ – Diese vereinfachende Formel habe ich Ihnen ja bereits nahe gebracht. Wichtig für einen Coach ist jedoch, dass er sein „handwerk“ beherrscht, also seine Veränderungsarbeit gut überlegt einsetzt im Rahmen der Fragestellungen und insbesondere bei der Auswahl seines ein Repertoires an Techniken, um für seinen Cochee die Intervention/en auszuwählen, die am besten zu dessen Anliegen und zur Person passen.

Wenn es bei dem persönlichen Anliegend es Klienten beispielsweise um Ängste oder einen Mangel an Mut geht, hat der Musiker Heinz Rudolf Kunze (mit dem ich Mitte der 2000er Jahre einige musikalisch-literarische Radiosendungen und Bühnenprogramme machen durfte), die Sache mit dem Spruch „Angst, das kann man nicht lernen, das hat man.“ auf den Punkt gebracht. Heißt also: man muss einem Menschen gelegentlich dabei helfen, für sich selbst herauszufinden, auf welche spezielle Art und Weise der Mut aufgebracht werden kann, jemand anderem ins Gesicht zu sagen, dass er oder sie lügt.

Als Individual- und/oder Verwaltungscoach versuche ich jedes Mal aufs Neue das bestmögliche Interventionsprogramm für meine Klienten zusammenzustellen, egal ob es ein längeres Coaching wird oder ein Sprint. Natürlich macht man nach jedem abgeschlossen Auftrag eine Art Entwicklung durch, aber im Laufe der Zeit bekommt man das Gefühl, dass man sich mit jedem weiteren Coaching der Perfektion zumindest ein Stück weiter annähert. Natürlich kenne ich Verwaltungstrainer und -coaches (m/w/d), die im internen Gespräch äußern, bei ihnen sei bisher jedes Coaching, jeden Training, jede Mediation gelungen. So etwas halte ich persönlich aber für nicht möglich. Da ist es mir umso wichtiger, bei dem Kollegen oder der Kollegin herauszufiltern, wie er /sie 1.) mit kritischen Situationen während des Coachings umgegangen ist und 2.) wie viele Cochings, Trainings oder Mediationen bereits durchgeführt wurden.

Im Gespräch mit den Klienten erfährt man, sobald die Ziele formuliert sind und Wünsche und Erwartungen an mich gerichtet werden oder Fragen, wie ich den Klienten / die Klientin bei der Lösungsorientierung unterstützen kann, so einiges aus dem Leben des Gegenüber. Ich verstehe aber bis heute nicht (… obwohl ich des Öftern eine kleine Ahnung habe …) weshalb manche Menschen beim Einzelcoaching meinen, schwindeln oder übertreiben zu müssen. Und ich sage dann auch schon mal. „Wen wollen Sie denn damit beeindrucken? Es gibt doch hier nur uns beide? Denn beim Einzelcoaching befindet man sich 1.) sozusagen in einem geschützten Raum und 2.) wurde ich doch engagiert, um dem Klienten zu helfen. Weshalb also dieses Verhalten?

Sicher ist es einem Menschen peinlich, gegenüber einem Fremden zuzugeben, dass er beispielsweise alkoholabhängig ist. Da ich aber weiß, dass eine Sucht, egal welcher Art sie ist, immer eine Auseinandersetzung mit sich selbst ist, dem eigenen Körper und der Persönlichkeit, muss das im Coaching natürlich eine Rolle spielen. Denn sich von einer Sucht zu lösen, erfordert in aller Regel ungeahnte Kräfte und nicht jeder Mensch ist stark genug, den oft zitierten „inneren Schweinehund“ zu bekämpfen. Genau hier bietet das Sechs-Schritte-Programm nach James O. Prochaska Optionen, den Loslösungsprozess anzustoßen und Betroffenen die Möglichkeit zu geben, im gerade angesprochenen Beispiel von ihrer Sucht loszukommen. Also stellt sich auch für mich gelegentlich die Aufgabe, wie zeige ich dem Klienten am einfachsten, dass er lügt oder sich selbst belügt?

Das Besondere ist tatsächlich das „richtige“ Nachfragen, denn ein Coaching ist etwas anderes als eine TV-Talkshow. Ich nehme mir deshalb Zeit für ein im Idealfall tiefgehendes wirkliches Gespräch. Und ich höre – ich gebe zu: auch wenn mir dies oft viel Selbstdisziplin abverlangt – tatsächlich zu. Nur so kann ich für mich die Fragen „Wie kann ich meinen Klienten bestmöglich unterstützen?“ und „Was ist zu tiun, damit ér / sie das selbstgesteckte Ziel erreicht?“ beantworten. Natürlich bewegt es mich nach Fragen zum Wahrheitsgehalt von Selbstdarstellungen: „War ich jetzt unfair, war das Ganze nicht vielleicht ein bisschen hart?“ Schließlich werde ich ja bezahlt und „Wes Brot ich ess …“.

CBQ blue Tafel „MUT“ – AdobeStock#324147664

Die Antwort ist einfach: Wenn der Coachee meine Rolle als sein neutraler persönlicher Unterstützer richtig verstanden hat, dann mache ich mich durch solche Dinge bei ihm nicht wirklich unbeliebt oder angreifbar. 2014 coachte ich bespielsweise einen Politiker, der erzählte etwas, von dem ich aus einem anderen Zusammenhang heraus wusste: das, was mein Klient mir gerade weis machen will, das stimmt so einfach nicht. Und das habe ich ihm ins Gesicht gesagt. Ich sagte: „Das glaube ich Ihnen nicht.“ Zuerst war er empört, aber als ich nachlegte, wie ich darauf komme, hat er schließlich klein beigegeben und sich bei mir entschuldigt. Das weitere Coaching brachte ihm schließlich das Ergebnis, dass er sich von mir erwünscht hatte.

Es gehört in der Tat wirklich Mut dazu, jemandem solche Dinge ins Gesicht zu sagen – interaktiv, also vom Coach in Richtung der Klienten udn von Seiten der Klienten in Richtung von Dritten. Auch auf die Gefahr hin, dass man falsch liegt. Ich sage ja auch immer: Es gibt keine falschen Entscheidungen, es gibt nur Konsequenzen. Und die muss ich dann auch ertragen. Gar nicht so viele Leute wissen, dass ich auch mal eine Politrocksänger-Vergangenheit habe. Durch die ist ein etwas anderer Blick auf die Obrigkeit wahrscheinlich tief in mir verankert – selbst bei einem treuen Staatsdiener, der ich jahrzehntelang war. Aber der Mut, unangenehme Wahrheiten anzusprechen ist wichtig, denn oft genug verbirgt sich erst hinter dem vom Coachee präsentierten Problem dessen eigentliches. Nur auf diese Art und Weise lassen sich die Abarbeitung der Reihenfolge von Coaching-Werkzeugen und insbesondere realistische Ziele für das weitere Coaching herausbilden.

Beim Coaching gibt man sich eben nicht mit der ersten Geschichte, der einfachen Antwort zufrieden. Der Coach möchte zwar selten bis gar nicht wissen, was beispielsweise in der Kindheit des Klienten fehlgelaufen ist. Er ist schließlich kein Therapeut und sein Fokus liegt in der Zukunft. Aber eine Grundehrlichkeit bei der Zusammenarbeit ist essentiell für den Erfolg der Transformation. Aus diesem Grund symbolisiert unser CBQ-Logo ja die Quadratur des Kreises.

Ja. Egal ob beim Verwaltungstraining oder dem Coaching: man muss erlernen, einander zu verstehen, denn nur so entsteht Vertrauen. In dem Moment, wo Coach oder Coachee eine Sache / Entwicklung / ein Hemmnis und so weiter verstehen, haben beide Respekt davor. Natürlich ist CBQ & BLUE Verwaltungscoaching keine All-Inclusive-Lebensberatung. Aber wir nehmen die Klienten als Menschen in die Pflicht, an ungesunden Entwicklungen etwas zu ändern und geben Methoden mit auf den Weg, wie das geschehen kann.

Geschrieben von und © 2017 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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