INSPIRATERIE | Es ist egal, wo eine Idee herkommt – entscheidend ist, wo man sie hinführt

„Es gibt eine Grenze, wo Zurückhaltung aufhört eine Tugend zu sein.“ (Edmund Burke)

„Piraterie, Freibeutertum, Diebstahl zu eigennützigen Zwecken? Nein danke!“ Diese erste Reaktion vieler Menschen auf den Wortteil „… piraterie“ in meinem Begriff der INSPIRATERIE ist nur allzu verständlich. Um zu begreifen, was INSPIRATERIE ist, verabschieden sie sich zunächst einmal von dem Vorurteil, dass, eine Idee zu kopieren oder ein Prinzip nachzuahmen, ein Zeichen von Schwä­che sei. Es ist zwar so, dass man uns immer wieder erzählt, wie wich­tig Kreativität und Erfindungsgeist sei­en, weshalb etwas Innovatives zu erschaf­fen als oberstes Gebot gilt. Aber die Historie zeigt, dass es neben speziellen PATENT-Rezepten auch die grundsätzlichen Rezepte gibt, die – vom Wortsinn her von lateinisch „recipere“ = „nehmen“ abgeleitet – eine Art Empfehlungen sind, die beim Kochen oder in der Medizin durchaus den eigenen Zielen entsprechend variiert werden dürfen.

Blickt man in die Historie, so schreibt man beispielsweise Leonardo da Vinci allgemein zu, dass er eine kaum überschaubare Zahl von Erfindungen oder Entdeckungen zu Papier gebracht hat. Was aber nicht heißt, dass er stets der Erst-Erfinder seine größten Ideen war. Viele der später wegbereitenden Zeichnungen da Vincis hatten Vorbilder, die Leonardo übernahm und verbesserte. So gab es bereits in der Antike mechanische Roboter und auch der Vitruvianische Mensch Leonardos hatte ein Vorbild aus römischer Zeit, bei dem erstmals die menschlichen Proportionen in einen Kreis im Viereck gesetzt wurden. Da Vinci war also ein klassischer Meister der INSPIRATERIE, der leider meist die Quellen oder Urheber seine Inspirationen verschwieg. Ähnliches findet man später auch bei Thomas Alva Edison, dessen Welterfolg der elektrischen Glühlampe ebenso keine Eigenerfindung war sondern auf einer Verbesserung vieler Versuche von Vorgängern basierte. Es ist also egal, wo eine Idee herkommt – entscheidend ist, in welche Richtung sie geführt wird.

Doch gibt es auch für INSPIRATERIE Grezen und dabei liegt die Betonung tatsächlich auf den letzten vier Silben – also Ihrem Grundgedanken vom Anfang. Geistiges Eigentum in Form von Ideen, Gegenständen, Namen und / oder Markennamen ist hierzulande durch verschiedene Gesetze geschützt, denn wird eine Idee gestohlen, dann ist das für den Betroffenen meist mehr als ärgerlich. Beispielsweise hatte sich Vera F. Birkenbihl verschiedene ihrer gehirn-gerechten Methoden de facto schützen lassen oder versah sie mit dem Urheberrechtsvermerk des Copyrights. Gleichwohl ist der Schutz einer bloßen Idee im Gegensatz zum Schutz von konkret ausgeformten Gegenständen oder ausführlich dargelegten Konzepten für den Ersterfinder oft problematisch. Andererseits sollte der- oder diejenige, die eine Idee als Eigenerfindung ausgibt oder präsentiert, sicher sein, dass niemand zuvor genau diese Idee bereits gehabt hat und zusätzlich bei der Weitergabe der Idee an Dritte Ideenschutz bzw. Vertraulichkeit vereinbaren.

Zulässig ist es (unter Wahrung bestimmter Voraussetzungen) jedoch – das zeige ich auch im INSPIRATERIE-Konzept – , die Idee einer anderen Person weiterzuentwickeln. Weshalb sollte man auch das Rad neuentwickeln? Wenn auch noch angegeben wird, wo die Ursprungsquelle/n liegen, somit nicht der „Verdacht“ entsteht, man selbst sei der Urheber, darüber hinaus die genaue Form der Weiterentwicklung zum eigenen Werk beschrieben wird, der ist vom Vorwurf des Ideenklaus reingewaschen.

Nebenbei bemerkt: Das Stigma „Das ist alles nur geklaut …“ ensteht übrigens schon im Kin­desalter, wenn junge Menschen mit dem Etikett „Nachmacher“ versehen werden, wobei doch unsere geistige Entwicklung von vorn herein zu großen Teilen auf dem Prinzip des Nachahmens basiert. Ohne Idole oder Vorbilder, denen der einzelne Mensch große Bewunderung entgegenbringt, würde ein Individuum viele seiner Fertigkeiten niemals erlernen – bis heute der Grundstock für jedes Handwerk. Weshalb sollte genau das nun plötzlich nicht mehr gelten? – Also: „Bühne frei“ für INSPIRATERIE.

Das Rad zum zweiten Mal erfinden

Ich habbe ja bereits die Devise „Weshalb das Rad ein zweites Mal erfinden oder entwickeln?“ angesprochen und Steve Jobs, Gründer eines ebenso wertvollen wie innovativen Technoligie-Unternehmens, dass viele „Früchte“ abwirft, zitierte ger­ne Pablo Picasso mit dessen Worten: „Gute Künstler kopieren, großar­tige Künstler stehlen.“, wobei der spanische Maler, Grafiker und Bildhauer das Wort „steh­len“ stellvertretend für „sich etwas zu eigen machen“, verwendete

Die Kunst der INSPIRATERIE besteht genau darin, eine Idee aufzugreifen und diese mit dem eigenen Gefühl zum eigenen Zweck weiterzuentwickeln. Voraussetzung ist hier­für die Gabe der Beobachtung und des Einfühlens in eine Idee oder ein Prinzip. Auch ein Unternehmen der freien Wirtschaft wird erst einmal versuchen, die Intentionen eines Wett- bzw. Mitbewerbers erst zu verstehen, bevor man sich diesem mit Produkten oder Dienstleistiungen entgegen stellt. Wer dabei den Nutzen einer Alleinstellung für sich in den Vordergund stellt, ist bereits auf dem besten Weg, durch Interaktion eine eigene Idee oder ein neues Prinzip zu erzeugen.

Natürlich darf man dabei keinerlei geschützte Rechte Dritter verletzen, denn genau darauf warten bestimmte Rechtsanwaltskanzleien und Abmahnanwälte mit professionellem Eifer, selbst wenn eine Rechteverletzung versehentlich oder unwissentlich erfolgte. Aber in unserer Welt, die vor frischen Ideen nur so sprüht, gibt es eine Fülle von rechtefreien Vorbildern, die auf ihre Evolution warten. So wie es das Brettspiel „Mensch ärgere Dich nicht …“ gibt sowie dessen INSPIRATERIE-Klone „Den letzten beißen die Hunde“, „… und Du bist raus“ und so weiter. Ohne Frage schaut sich das der Inhaber der Marke „M.ä.d.n.“ ganz genau an, was ja sein gutes (Rechteinhaber-)Recht ist. Andererseits ist jedoch auch „Mensch ärgere Dich nicht …“ nicht als plötzliche EIngebung entstanden, sondern stammt vom britischen Vorbild „Ludo“ ab, das wiederum ein Nachfahre des indischen Spiels „Pachisi“ ist.

Um für meine Person zu sprechen: ich nutze beispielsweise einige von Vera F. Birkenbihl erdachte Lern- und Lehrmethoden in von mir weiterentwickelter Form für meine „GehirnManagement“-Programme, vermeide dabei aber (geschützte) Birkenbihl-Begriffe wie „ABC-Listen“, „gehirn-freundlich“ oder „gehirn-gerecht“, die ihr Alleinstellungsmerkmal waren. Ich spreche statt dessen lieber von „gehirn-genial“, von VFB-Methoden oder eben VFB-Listen und stelle auch immer wieder mal deren Alleinstellungsmerkmale heraus, die meine Programme / Konzepte / Methoden von denen Vera F. Birkenbihls unterscheiden. Vergessen sollte man auch nicht, dass Birkenbihl selbst bereits während ihrer Zeit in den USA einige ihrer Lehr- und Lern-Programme auf Ergebnisse, Erkenntnisse oder Ideen Dritter aus der Hirnforschung aufgebaut und nicht zu 100 Prozent selbst erfunden hatte.

INSPIRATERIE meint also: Schauen sie sich um, was anderswo vorhanden ist und prinzipiell zu ihren eigenen Anforderungen passt. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass man etwas schaffen könne, was nicht von dem Wirken Dritter beeinflusst ist. Kommunizieren sie mit den Ideengebern und sie werden feststellen, dass beispielsweise andere Verwaltungen oft gute Ideen gerne und sogar mit einem berechtigten Stolz (inklusive kleiner Tipps) weitergeben. Das wiederum führt erst zu einer Art Evolution von Ideen, wobei die nächste (darauf aufbauende) Idee auch sehr schnell besser sein kann, als die vorherige. Merke: Am Ende zählt das Ergebnis, nicht die Kreativität.

Geschrieben von und © 2007 – 2015 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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