ASS-ASPEKTE (1) | Ivonne hat „Asperger“

Ivonne T.* nahm von klein auf alles wortwörtlich. Mit 17 Jahren erhielt sie die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung: Asperger-Autismus. Diese Diagnose brachte ihr endlich  Erleichterung, da nun für sie klar wurde, was in ihrem bisherigen Leben „schief“ gelaufen war.

Schon als Kind wurde bei Ivonne ein Unterschied zu anderen Kindern wahrgenommen. Im Alter von vier Jahren hatten sich die Eltern getrennt und von dieser Zeit an traten die ersten Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen auf. Später erkannte sie, dass sie vielen zu wörtlich genommen hatte, was von anderen ausgenutzt worden war. Im Kindergarten war die Lego-Ecke beliebt und Kinder ermutigten sie dazu, ein anderes Kind dort herauszuholen; nur so könne man gemeinsam spielen. Ihr Verhalten führte jedoch zu einer Strafe, die das Spielen mit den anderen verhinderte.

In der Schule setzte sich diese Erfahrung fort. Ihre Schwierigkeiten, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, führten zu physischen und emotionalen Übergriffen. Bei einem Fangspiel wurden ihr rein zufällig Schläge verpasst und es kam vor, dass Ivonne in der Toilette eingeschlossen wurde oder persönliche Gegenstände einfach verschwanden. Wenn Lehrkräfte Mitschüler:innen nach dem Grund für das Mobbing fragten, wurde auf ihre Andersartigkeit verwiesen. In der zweiten Klasse schnitt ihr ein Mädchen gar beim Malen einen Teil der langen Haare ab, was zu einem impulsiven Verfolgen führte, da sich Ivonne revanchieren wollte. Dies wurde von der Schulpsychologin als Versuch missinterpretiert, die Mitschülerin schwer zu verletzen, obwohl keine Gefahrenüberlegung bestand.

Die Suche nach Klarheit begann für Ivonne T. mit dem Besuch bei mehreren Psychologen und Psychologinnen. Über sieben Jahre hinweg hatte sie eine Tagesgruppe zu besuchen, in der Kinder mit Aggressionsproblemen, Tourette oder suizidalen Gedanken betreut wurden. Die genaue Problematik war den Expert:innen im „Falle Ivonne“ jedoch unklar. Während einer Klassenfahrt in der 8. Klasse kam es schließlich zu einem Übergriff von 60 Mitschülern, die zuerst eine verbale und später eine körperliche Auseinandersetzung herbeiführten. Dies führte bei ihr zu einer tiefen Verstörung und dem Wunsch, mit Ausnahme des Schulbesuchs, nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Die Schule besuchte Ivonne jedoch aufgrund des Interesses am Lernen und ihrer hohen Begabung weiterhin.

Ivonnes Mutter suchte nach Antworten und holte eine Familienhelferin ins Haus. Trotz der Verzweiflung und der Erfahrungen mit mehr als einem Dutzend Psycholog:innen fand Ivonne endlich echte Unterstützung. Auch weil autistische Züge im familiären Bereich oft vor der Öffentlichkeit verborgen werden, um nicht aufzufallen. Zu Hause zeigte jedoch erkannte die Familienhelferin recht schnell die Problematik und vermittelte die richtige Hilfe. Kurz vor ihrer Volljährigkeit erhielt Ivonne dann die Diagnose Asperger-Autismus gestellt.

Disee Diagnose löste unterschiedliche Reaktionen aus. Während ihre Mutter verzweifelt war und fürchtete, dass für Ivonne nun kein „normales“ Leben möglich sei, brachte es für sie selbst große Erleichterung, denn nun war ihr klar, dass es nicht an ihr lag oder die Schuld der anderen war, wenn Dinge derart eskalierten, sondern dass Ivonnes Gehirn einfach anders funktionierte. Bis zu ihrem 21. Lebensjahr arbeitete Ivonne von nun an ihrer Lebensqualität. Im Rahmen der Therapie lag der Fokus nicht auf der Minderung autistischer Symptome, sondern auf dem Verständnis von Autismus sowie der eigenen Handlungen und Gefühle. Ivonne erlernte Strategien, um besser mit ihrer Andersartigkeit umzugehen und in schwierigen Situationen die Kontrolle zu behalten. Ein individueller, mentaler Werkzeugkoffer wurde zusammengestellt, um im Alltag besser zurechtzukommen. So plante sie beispielsweise Reisen in große Städte wie Paris strategisch, um Stress zu vermeiden. Sie mied U-Bahn-Fahrten, hatte stets Ohrstöpsel dabei und legte regelmäßige Pausen, beispielsweise in Parks, ein. Ivonne setzte auch auf Begleitung durch vertraute Personen, um sich in stressigen Momenten sammeln zu können.

ASS bringt – und das wird vielfach von der Allgemeinheit verkannt – auch positive Aspekte mit sich. Eine intensivere Wahrnehmung der Umgebung führt zu einer aufregenden Lebensgestaltung, bei der meist Kreativität im Vordergrund steht. Ebenso kann Kunst eine große Leidenschaft spielen. Ivonne ist heute als Gamedesignerin, Streamerin, Workshop-Leiterin und Autorin aktiv und versucht, auf verschiedene Weisen Menschen zu erreichen und über Mobbing und Autismus aufzuklären.

Man darf jedoch auch nicht ausblenden, dass ASS manchmal durch die intensive Wahrnehmung aller Dinge zu einer Überforderung des Gehirns führt. Plötzliche Blackouts können auftreten, selbst wenn zuvor vermeintliche Entspannung herrschte. Auch werden stressige Verkehrssituationen oft als besonders belastend empfunden. Aber auch hier gibt es Strategien: In Momenten, in denen der Alltag überwältigend erscheint, helfen u. a. Berührungen mit Haustieren oder vertrauten Personen. Man hat als Autist ebenso zu lernen, mit Konflikten umzugehen, denn Streitigkeiten erzeugen innere Panik und emotionale Ausbrüche, insbesondere im Vergleich zu sachlich bleibenden Gesprächspartnern. Aber letztendlich ist es unerheblich, ob jemand Autist ist oder nicht. Der Wunsch nach mehr Verständnis füreinander bleibt zentral – denn es ist davon auszugehen, dass wir alle uns irgendwie und irgendwo im Autismus-Spektrum bewegen, selbst wenn die Grenze zu Störungen bisher noch nicht erreicht wurde.

Lesen Sie zum Thema auch diesen Artikel!

Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2024 für BRAIN.EVENTS / CBQ & CBQ blue


* = Name geändert

Hinterlasse einen Kommentar