Eine Ergänzung zu … „Die Geschichte muss nicht stimmen, sie muss sich nur gut anhören (3)“

Vor einigen Jahren hatte ich unter „DIE WAHRHEIT UND NICHTS ALS …“ über den Umgang der irischen Werft Harland & Wolff mit dem Untergang der von ihr gebauten RMS Titanic geschrieben (siehe HIER), über die „Wahrheiten“, die Magazine der Boulevard-Presse verbreiten (siehe DORT) und über Folgen, die eintreten können, wenn die Spanne zwischen Wahrheit und Lüge auseinander läuft und brauche dafür noch nicht einmal das Beispiel Donald Trump zu bemühen, denn ich berichtete über eine junge Frau namens Sophia Thiel, Jahrgang 1995. Besondere Entwicklungen führen nun dazu, dass ich mich nach mehr als dreieinhalb Jahren nochmals mit ihr und ihrer Veränderung befasse.

Damals, im Mai 2021, war gerade Thiels Buch „Come back stronger: Meine lange Suche nach mir selbst“ erschienen – eine Art Selbstreflektion. Zehn Jahre davor war die Rosenheimerin ein „stämmiges“ Mädel gewesen, dann schaffte sie es 60 Pfund abzunehmen, wurde Bodybuilderin und mit ihrer Geschichte und den Erzählungen über ihr Fitnessprogramm hin zur Traumfigur zum Vorbild für Hunderttausende Mädchen und junge Frauen. Sophia Thiel wurde eine der erfolgreichsten Fitness-Influencerinnen des Landes, mit eigenem Social-Media-Kanal, einer Sophia-Thiel-Parfümreihe, -Modekollektion, war stolz, auf den Titelseiten von „Women’s Health“, „Shape“, „Gala“ und so weiter abgebildet zu werden.

Doch vom einen auf den anderen Tag verschwand sie aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Wie sie später erzählte, hatte sie sich wochenlang in einer Wohnung eingeschlossen, wog danach fast 100 Kilo, litt an einer Essstörung mit anfallsweisem unkontrollierten Verlangen zu essen – das alles kann man in ihrem Buch nachlesen. Sie kam zurück in die Öffentlichkeit, nahm 2024 sogar an der RTL-Tanzshow „Let’s dance“ teil und verschwand dann erneut von der Bildfläche.

Im Interview mit dem SPIEGEL erzählte sie, nach der Tanzshow sei sie krank geworden und dann emotional eingebrochen. Sie habe erneut Fressattacken gehabt und sei wegen des Kontrollverlustes in eine depressive Phase geraten. Den kompletten Rückzug aus der Social-Media-Welt habe sie vollzogen, weil sie hier einfach eine Pause brauchte, so Thiel. Während der RTL-Show im Training und bei den Liveauftritten, die physisch und emotional sehr anstrengend gewesen seien, habe man im Nachhinein schon erkennen können, dass sie nach dem Ausscheiden „in ein Loch“ fallen könnte. Aber wenn sie mittendrin in einer so stressigen Phase sei, merke sie häufig nicht, was das mit einem macht.

Nach dem Ausscheiden bei „Let’s Dance“ habe sie anfangs gedacht „Jetzt habe ich wenigstens wieder mehr Zeit, kann ins Fitnessstudio gehen, ist ja wie Urlaub.“ Aber bereits nach der Rückkehr nach Hause, sei es ihr mit einem Mal gar nicht mehr gut gegangen und sie wurde „wieder mit meinen alten Dämonen konfrontiert“. Und Sophia Thiel wird im SPIEGEL-Interview noch offener. Schon früh habe sie sich gesagt: Wenn ich etwas schaffen will, muss ich dranbleiben und die Zähne zusammenbeißen. Beim Sport gehe sie häufig an ihre Grenzen, so die Influencerin, und zwar weil sie physische Schmerzen gut aushalten könne.

Hass gehört zur Social Media Realität leider mit dazu und „Follower suchen immer deinen wunden Punkt.“ Ist man Influencerin, müsse man damit umgehen können, sagt sie und rär daher zur Vorsicht, denn obwohl sich eine treue und loyale Community manchmal wie eine Familie anfühle, könne man gleichwohl „aus dem Rausch der Herzchen“ ziemlich schnell emotional abstürzen. Und damit müsse man lernen, umzugehen, sagt sie. Nachdem es ihr nach „Let’s Dance“ eine Woche lang schlecht gegangen sei, habe sie umgehend ihre Therapeutin kontaktiert und die Sitzungen wieder aufgenommen. „Es ist ein Prozess, ich lerne immer noch viel über mich selbst und meine Muster“, sagte Thiel im Interview.

Berits nach dem Zusammenbruch 2019 habe sie erkennen müssen, „Ich hatte die besten Veranlagungen dafür, in ein problematisches Verhalten abzurutschen: ein geringes Selbstwertgefühl, schon immer ein schwieriges Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper, Hang zum Perfektionismus, zu hohe Ansprüche an mich selbst. Eine Essstörung entsteht nicht einfach durch eine Diät. Es kommen immer mehrere Faktoren zusammen.“ Es sei ihr aber lange nicht bewusst gewesen, wie tief sie in der Entwicklung drinsteckten würde. Sie habe immer „einfach funktioniert, bis ich irgendwann nicht mehr konnte.“

Aktuell sei alles aber „längst nicht so schlimm wie 2019“, berichtet sie. Ihr sei bewusst, dass man eine Essstörung nie ganz loswird. Inzwischen merke sie aber besser, wenn sie etwas triggert, und sie habe Routinen entwickelt, damit umzugehen. Das funktioniere nicht immer blendend, so Thiel, aber das Gefühl, sozusagen „wieder am Boden“ zu sein wie einst, stelle sich nicht mehr ein. Das liegt nach ihren Angaben daran, dass sie zwar davon lebe, in der Öffentlichkeit präsent zu sein und Menschen sich dafür interessieren, was sie tue. Aber sie sei auch entspannt damit, falls das irgendwann nicht mehr so sein sollte. Aus ihrer existenziellen Krise habe sie gelernt, dass das Leben trotzdem weitergehe und vor allem, dass sie nicht abhängig von der Öffentlichkeit und Social-Media-Welt sei.

Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2024 für BRAIN.EVENTS / CBQ & CBQ blue

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