Vorab bemerkt: Meine „ASS“-Seminar- und Coachingangebote inklusive der Beratungsmethoden richten sich prinzipiell nicht nur an Menschen, die Wissen, Tipps und Tricks zum Thema erwarten, sondern auch an solche, die aufgrund einer Autismus-Diagnose im familiären Umfeld in Gedankenkonflikte geraten sind. Hier könnte auch ein individuelles Coaching sehr hilfreich sein und das Leben bereits in kurzer Zeit nachhaltig verbessern. /// Um meine Beratung und das Coaching in diesem Segment in qualifierter Form anbieten zu können, habe ich mich zu frühkindlichem Autismus sowie der schulischen Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit ASS-Hintergrund im Bereich des systemischen Coachings sowie den Methoden der Kommunikation mit nicht-sprechenden ASS-Kindern fortbilden lassen und stehe in Kontakt mit Barrierescouts integrativer Kindertagesstätten, deren Expertise ich sehr schätze.
Junge Menschen, die seit früher Kindheit von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen sind, haben oft Schwierigkeiten mit der sprachlichen Kommunikation. Diese Probleme zeigen sich insbesondere in drei Bereichen:
1.) Die expressive Sprache: Es bestehen Probleme, Sprache gezielt zu nutzen, um etwas Bestimmtes auszudrücken oder zu bekommen. Hierbei gibt es große Unterschiede in den Sprachfähigkeiten. Einige nutzen an Stelle der Sprache Bilder, Laute oder Gebärden zur Kommunikation, während andere sehr sprachbegabt sind, aber dennoch Schwierigkeiten haben die Sprache adäquat zu gebrauchen.
2.) Die rezeptive Sprache: Durch die ASS ist die Reaktion auf sprachliche Kontaktaufnahmen Dritter gebremst. Oft scheint es, als ob das Kind „in seiner Welt“ verharrt, obwohl es gerufen oder zu etwas aufgefordert wird. Das kann daran liegen, dass der Gesprächspartner zu schnell redet und zu viel sagt, sodass es dem Kind nicht gelingt, alles zu verarbeiten. Von der Kommunikation verbleiben bei ihm oft nur einfache Begriffe und kurze Sätze „hängen“. Davon abgesehen haben Menschen mit einer ASS allgemein und meist bis ins hohe Alter Schwierigkeiten, doppeldeutige, lustig gemeinte oder ironische Bemerkungen zu verstehen.
3.) Die Interpretation non-verbaler Kommunikation: In Gesprächen werden viele Informationen durch Körpersprache, Mimik oder Gesten vermittelt. Diese Signale helfen der Menschheit seit vielen Jahrtausenden, die Absichten, Wünsche und Gefühle ihrer Mitmenschen zu verstehen. Von einer Autismus-Spektrum-Störung Betroffene haben es meist nicht leicht, diese non-verbalen Signale zu erkennen und zu deuten. Dadurch fehlen ihnen am Ende wichtige Teile des Gesprächs und Gesprächspartner fühlen sich hierdurch oft missverstanden. Außerdem können wechselseitige Gespräche bei Kindern und Erwachsenen mit einer ASS mitunter großen Stress und Angst verursachen, weil es für sie unbehaglich ist, die Signale des Gegenübers nur schwer einschätzen können, da bei ihnen die sog. „Theory of Mind“* eingeschränkt ist.
Zusammengefasst mindern diese drei Punkte die soziale Interaktion von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ganz erheblich. Während die meisten Menschen intuitiv wissen, wie man ein Gespräch beginnt (etwa durch SmallTalk oder Fragen zu aktuellen Themen) und mit welchen Worten man am besten Freundschaften schließt, stellt beides für von einer ASS Betroffene eine große Herausforderung dar. Das hat jedoch nicht unbedingt etwas mit vermeintlich fehlendem Einfühlungsvermögen (Empathie) zu tun, da Kindern und Jugendlichen mit ASS die Gefühle und Wünsche anderer durchaus nicht egal sind – sie haben durch den blockierten „Schalter in Kopf“ einfach Schwierigkeiten, die emotionalen Zustände anderer zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren.
Auf der anderen Seite resultiert die Fehleinschätzung nicht Betroffener einerseits aus repetitiven bzw. stereotypen autistischen Verhaltensweisen (auffällige Körperbewegungen, Abläufen und Strukturen, die für Außenstehender oft keinen Sinn ergeben, das Vertrauen auf festen Routinen), deren Störung oder Unterbrechung für Menschen mit ASS eine Belastung sein können, die gelegentlich auch zu starken Gefühlsausbrüchen führen kann; im mildesten Falle interpretieren das Außenstehende mit fehlendem Interesse an der Kommunikation.
Andererseits haben viele Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung jeglichen Alters Spezialinteressen an bestimmten Themen oder Objekten, mit denen sie sich sehr intensiv und ungewöhnlich lange beschäftigen und über die sie oft sehr viel Wissen gesammelt haben. Das führt mitunter dazu, dass sie von einem bestimmten Objekt fasziniert sein können, sich stundenlang damit beschäftigen unter die kommunikative Interaktion „schleifen“ lassen. Auch dies ist nicht „böse“ gemeint sondern zeugt im Gegenteil davon, dass es ihnen im Moment gut geht, da das Objekt des Interesses unwiderstehliche optische Aspekte hat, es sich gut anfühlt oder angenehme Geräusche macht. Auch Zugfahrpläne oder historische Zusammenhänge können deshalb ihre Faszination für ASS-Betroffene entwickeln. das alles fehlinterpretieren Außenstehende als „Spleen“ oder einfach nur „sonderbar“ und Autisten gelten in diesem Zusammenhang schnell als Exzentriker.
Also: Wie kommuniziert man möglichst „richtig“ (also angemessen) mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung?
Kinder und Jugendliche, die seit frühester Kindheit von ASS betroffen sind, richten ihre Aufmerksamkeit vorwiegend auf das, was für sie von Interesse ist. Daher haben sie Schwierigkeiten, von sich aus zu erkennen, was im Moment wichtiger oder am wichtigsten sein könnte und wohin sie ihre Aufmerksamkeit deshalb besser richten sollten. Klassisches Beispiel ist ein Schüler, der in der Mathematikstunde mehr darauf fokussiert ist, seine Stifte zu ordnen, anstatt die Mathematikaufgabe zu erledigen oder beim Zeichnen eines Hauses hohen Wert auf die Proportionen oder Ausstattung legt. Eine weitere Hürde entsteht im Wechsel von einer Tätigkeit zur anderen und somit in der Verlagerung der Aufmerksamkeit.
Ihre Autismus-Spektrum-Störung blockiert bei den Betroffenen den virtuellen „Schalter in Kopf“ zum Beginnen einer neuen Aufgabe gelegentlich so lange, bis die vorherige Aufgabe (dazu noch möglichst perfekt) beendet wurde. Das schränkt die Fähigkeit für ein optimales Zeitmanagement extrem ein. Während es Nicht-Autisten gelingt, beispielsweise das Pareto-Prinzip anzuwenden, kommen von ASS Betroffene oft nicht rechtzeitig zum Ende einer Tätigkeit. Nur mit geteilter Aufmerksamkeit, etwa die zeitliche Erinnerung durch einen Timer, kann es gelingen, hier einzugreifen. Allerdings führt dies in aller Regel dazu, dass sich Autisten hierdurch unbefriedigt und unwohl fühlen, oder, wie es einmal eine bekannte Wissenschaftlerin, die selbst an einer ASS leidet, mir bildlich erklärte, „wie ein feuerwehrmann, der am Löschen ist und dem man seinen Schlauch wegnimmt.“
Denken und Lernen auf visueller Ebene: Nicht erst seit die US-Amerikanerin Temple GRANDIN** zu einer Spezialistin für die Konzeption von Anlagen zur kommerziellen Viehhaltung wurde, obwohl sie als frühkindliche Autistin lange nicht sprechen konnte und Ärzte wegen eines „Hirnschadens“ die Unterbringung in einem Heim empfahlen, weiß man, dass viele Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung häufig in Bildern denken. Da sie nur einen kleinen Teil von sprachlichen Informationen erfolgreich verarbeiten, lernen und verstehen sie Dinge besser, wenn ihnen die Informationen anhand von Bildern oder in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt werden. Umgekehrt genügt oft eine einzige Bemerkung, wie beispielsweise „Hund“, und in ihrem Geist entfaltet sich mit einem Mal eine komplette Palette von Hunderassen und explizitem Wissen über die Entwicklung des Wolfs zum Haushund. Oder beim Stichwort „Fahrrad“ fokussiert sich das Denken mit einem Mal weg vom Fortbewegungsmittel hin zu allem, was sich dreht, inklusive den Zusatzinformationen, dass ein American Football anders rotiert, als ein Windrad.
Fazit: Wir als Gesellschaft und unsere Bildungssysteme müssen besser auf die individuellen Stärken und Interessen von ASS Betroffenen eingehen, anstatt sie ausschließlich durch den Blickwinkel der Herausforderungen zu betrachten. Hierzu sind neben der angemessenen Kommunikation auch Anpassungen im alltäglichen Umgang notwendig erachten, um sensorische Überlastungen zu minimieren und soziale Interaktionen (inklusive Integration) zu erleichtern.
Dies bedingt auch, dass Menschen im Autismus-Spektrum aktiver in die Forschung einbezogen werden, um sicherzustellen, dass die entwickelten Strategien und Therapien möglichst weitreichend relevant und hilfreich sind. Denn es gibt Schalter in Kopf, die blockiert sind und blockiert bleiben. Aber wie im Sinnspruch, dass sich eine neue Tür öffnet, wenn eine andere zufällt, haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ASS nicht nur die bekannten Defizite bei Kommunikation und Interaktion sondern oft auch wirkich außergewöhnliche Fähigkeiten, die anderen Menschen fehlen und / oder die diese niemals entwickeln können. Wichtig sind deshalb vor allem ein tieferes Verständnis und besseren Bedingungen für Menschen im Autismus-Spektrum.
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* = unter dem Begriff „Theory of Mind“ ist die Fähigkeit zusammengefasst, Gefühle und Gedanken bei sich und anderen zu erkennen, einzuschätzen und / oder vorherzusagen.
** = siehe auch denBuchTipp „Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier: Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere“