Gefühle von Unlust und das Bedürfnis, bestimmte Aufgaben oder Aktivitäten zu vermeiden, sind uralte und zugleich normale emotionale Reaktionen von Menschen. Im weiteren Verlauf ist es durchaus sinnvoll, sich bewusst dafür zu entscheiden, in bestimmten Situationen „Nein!“ zu sagen, denn dies kann als notwendig betrachtet werden, da es zur Selbstfürsorge und zur Wahrung der eigenen psychischen Gesundheit beiträgt. Es ist jedoch wichtig, hier eine Art „Gleichgewicht“ zu finden, denn ein permanentes „Nein“ zu allen Anforderungen wäre unpraktikabel und könnte langfristig zu sozialen und beruflichen Konflikten führen. Andererseits führt auch ein ständiges Nachgeben und das unreflektierte Zustimmen zu Dingen, die man eigentlich nicht bereit ist zu tun, sehr oft zu einem Zustand der Überforderung und Passivität, der mit einem Mangel an Motivation einhergeht.
Die Unterscheidung zwischen Aktivitäten, die Freude bereiten, und solchen, die eher als belastend empfunden werden, ist wichtig für das eigene Wohlbefinden. „Nein“ zu sagen kann als Akt der Selbstbestimmung und des Einstehens für die eigenen Bedürfnisse betrachtet werden, ist aber vor allem im privaten Bereich sinnvoll. Im Berufsleben, wie etwa dem eines Feuerwehrmannes, verbunden mit besonderer Verantwortung, ist es zwar legitim, gelegentlich keine Lust auf eine Aufgabe zu haben, aber wenn „die Pflicht ruft“ muss man diese erfüllen. In solchen Fällen kann es aber sinnvoll sein, beispielsweise Kollegen um die Übernahme einer Schicht zu bitten.
Die Reflexion über das eigene Empfinden ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung. Sagt man zu sich selbst „Heute habe ich wirklich keine Lust auf xyz“, können daraus mittel- bis langfristig durchaus sinnvolle Folgeüberlegungen abgeleitet werden, die zu einer bewussteren Entscheidungsfindung führen. Statt sich zu zwingen, eine Aufgabe nur aufgrund eines familiären oder sozialen Pflichtgefühls zu erfüllen, ist es ratsam, sich Fragen zu stellen wie: „Muss ich das wirklich tun?“ oder „Wird meine Motivation morgen vielleicht höher sein?“. Diese Art von Selbstreflexion kann helfen, den eigenen Bedürfnissen und Grenzen mehr Beachtung zu schenken.
Es ist zudem wichtig, die eigenen Stressoren und die Art und Weise, wie man diese interpretiert, selbst oder im Gespräch mit vertrauten Menschen zu hinterfragen. Eine hilfreiche Regel in solchen Situationen könnte darin bestehen, das Gegenteil der eigenen Gewohnheiten zu praktizieren. Dies bedeutet, sich über seine Schalter in Kopf bewusst gegen das erste emotionale Bedürfnis zu entscheiden und stattdessen an Aktivitäten teilzunehmen, die man normalerweise meiden würde. Hat man z. B. keine Lust auf eine soziale Veranstaltung, könnte es lohnend sein, dennoch daran teilzunehmen und hinterher abzuwägen, ob die Entscheidung tatsächlich negativ war, anstatt von vornherein aufgrund von Vorurteilen und Routinen sich dagegen zu entscheiden.
Denn das Problem an sich liegt nicht in den Handlungen selbst, die wir ablehnen oder durchführen, sondern in der Art und Weise, wie wir sie angehen. Wenn man bereits im Voraus entschieden hat, welche Tätigkeiten interessant und angenehm sind bzw. sein könnten und welche nicht, dann führt dies zwangsläufig zu einer gefühlten Unlust bei allem, was unser Gehirn als uninteressant oder unangenehm einstuft. Eine solche Bewertung erfolgt jedoch immer subjektiv und ist oft das Resultat unserer eigenen Lebenserfahrungen – heißt: sie hat sich vielleicht schon längst überholt und ist daher ungerecht. Die Entscheidung, ob man Dinge oder eine Tätigkeit als freiwillig oder als Pflicht wahrnimmt, liegt also letztlich in unserer eigenen Verantwortung und ist damit im Grunde offen.
Ein persönliches Beispiel veranschaulicht dies: Ich konnte meine Einstellung zu meiner langjährigen Tätikeit als Livemusiker, die anfangs von großem Lampenfieber geprägt war, vollständig zum Positiven wenden, ohne dass sie sich grundsätztlich verändert hatte. Der Schlüssel lag darin, zu erkennen, dass ich selbst die Quelle meiner Unlust war. Mit einem Mal dachte ich: „Geh‘ einfach raus auf die Bühne und habe Spaß an dem, was Du machst – egal, wie das Publikum darauf reagiert.“
Diese Erkenntnis, dass ich hierfür nur einen Schalter in meinem Kopf umlegen musste, ermöglicht es mir, dieselbe Methode auf andere Tätigkeiten anzuwenden. Allerdings erfordert dies von einem selbst ein hohes Maß an Achtsamkeit, um nicht leichtsinnig einem neuen, automatisierten Denkmustern zu verfallen, das einem unreflektiert suggeriert, „Geh‘ raus und habe Spaß“, und im Nachgang kommt es zu einer schlechten Erfahrung. Zu solchen Entscheidungen gehört daher mindestens eine Exit-Strategie für den „Fall der Fälle“, dass es wider Erwarten doch nicht gut ausgeht, und das vorherige Durchdenken, wie man mit den Folgen umgehen würde.
Echte Freiheit etwas zu tun oder nicht zu tun bedeutet nicht, nur das zu tun, was man gerne tut, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, jede Aufgabe die gerade ansteht, mit Freude zu erledigen. Diese Lebenseinstellung erfordert die bewusste Entscheidung, unsere Wahrnehmung und Einstellung zu ändern, anstatt die äußeren Umstände oder die Natur der Aufgabe für deren Erledigung verantwortlich zu machen. Durch diese innere Transformation können wir eine tiefere Zufriedenheit und Erfüllung in unserem Alltag erreichen.
Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2021 für BRAIN.EVENTS / CBQ & CBQ blue